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Klicks statt Klima: Wie Medien und Algorithmen unsere Zukunft verzocken

17. August 2026 um 11:00

Der Beitrag Klicks statt Klima: Wie Medien und Algorithmen unsere Zukunft verzocken erschien zuerst beim Online-Magazin BASIC thinking. Über unseren Newsletter UPDATE startest du jeden Morgen bestens informiert in den Tag.

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Soziale Medien sollten die Klimadebatte demokratisieren. Eine neue Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster zeigt: Das Gegenteil ist passiert. Klimaskeptiker gewinnen überproportional an Sichtbarkeit, während sich der Diskurs in getrennte Plattformwelten aufspaltet. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines Systems, das Empörung belohnt und Einordnung bestraft. Eine kommentierende Analyse.

Soziale Medien halten Demokratieversprechen nicht ein

  • Laut einer Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster haben soziale Medien die Klimakommunikation in den vergangenen 20 Jahren verändert. Das erhoffte Demokratisierungsversprechen wurde aber nur teilweise eingelöst. Dem Bericht zufolge beteiligen sich heutzutage zwar mehr Akteure am Klimadiskurs. Doch etablierte Stimmen würden weiterhin dominieren, während klimaskeptische Akteure überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. Ob Social Media das Wissen der Öffentlichkeit über Klimathemen fördert, sei derweil unklar. Wer digitale Medien nutzt, würde sein Wissen aber häufig überschätzen.
  • Für ihre Analyse werteten die Forscher internationale Forschungsliteratur zur Klimakommunikation in den sozialen Medien aus – von X über TikTok und YouTube bis hin zu regional dominanten Plattformen wie Weibo oder WeChat. Die komplette Publikation erschien im Magazin Nature Climate Change. Eines der zentralen Ergebnisse: eine zunehmende Trennlinie zwischen den Plattformen bei der Klimakommunikation. Der Grund: eine verschärfte Moderation, die Abwanderung von großen Plattformen, die Neuausrichtung von Twitter zu X, geänderte Fact-Checking-Regeln von Unternehmen wie Meta sowie der Aufstieg alternativer Plattformen.
  • Laut der österreichischen Kognitionspsychologin und Social-Media-Forscherin Hanna Metzler ist der Einfluss sozialer Medien auf unsere Wahrnehmung komplexer als viele denken. Extreme Meinungen seien etwa überpräsentiert und würden den Eindruck gesellschaftlicher Spaltung entstehen lassen, obwohl es abseits digitaler Plattformen oft mehr Übereinstimmung gibt. Zudem sind Nutzer laut Metzler weniger leicht manipulierbar als oftmals angenommen. Falschinformationen seien wiederum ein Symptom für tieferliegende soziale Probleme, die es zu lösen gilt. Filterblasen würden auch im realen Leben existieren. Social Media eröffne lediglich mehr Berührungspunkte mit anderen Positionen. Um Glaubwürdigkeit zu schaffen, brauche es derweil Vertrauen und Transparenz – vor allem von Institutionen, Medien und politischen Akteuren.

Wie (soziale) Medien die Klimadebatte lenken

Die Hoffnung war groß, als die sozialen Netzwerke vor fast 20 Jahren nach und nach das Licht der Welt erblickten. Sie versprachen mehr Austausch, mehr Demokratie und mehr Zugang zu Wissen – nicht nur rund um den Klimawandel. Niedrige Zugangshürden, ein direkterer Draht zur Wissenschaft und mehr Raum für die Zivilgesellschaft schienen zunächst gute Voraussetzungen für einen offeneren Austausch zu sein.

Mittlerweile scheint der soziale Aspekt sogenannter sozialer Medien aber zunehmend unter die Räder zu geraten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ausgerechnet bei einem so hochsensiblen Thema wie dem Klima scheint das Demokratieversprechen der digitalen Medien aber zu bröckeln.

Will heißen: Schwarz-Weiß-Denken ersetzt Zwischentöne; der Diskurs verroht. Dabei liegt das nicht einmal ausschließlich an der breiten Nutzerbasis. Denn Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit entsteht nun einmal leichter durch Empörung als durch eine nüchterne Einordnung wissenschaftlicher Zusammenhänge.

Oder: Wo Moderation von Inhalten nicht ausreichend gegeben ist oder bewusst zurückgefahren wird, bekommt der lauteste Beitrag schnell mehr Gewicht als der vernünftigste. Das ist besonders beim Klimawandel fatal. Doch eine komplexe, langfristige Krise passt denkbar schlecht in ein System, das auf kurze Reize und schnelle Reaktionen getrimmt ist.

Klar: Social Media ist ein Sammelbecken aus Hass, Hetze und Falschinformationen. Es wäre aber zu bequem, alle Nutzer über einen Kamm zu scheren, Kompetenzen zu unterschätzen oder allein auf die sozialen Medien zu zeigen. Auch der klassische Journalismus muss sich etwa fragen, warum er sich so oft dem gleichen Takt aus Klicks und Aufregung unterwirft. Oder: Wer ständig nur die nächste Stichflamme sucht, wird dem Klimawandel als Dauerkrise kaum gerecht.

Stimmen

  • Julia Metag vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und Co-Autorin des Beitrags in einem Statement: „Vermutlich werden Spaltungen künftig weniger innerhalb von Plattformen als zwischen ihnen auftreten. Nutzende bewegen sich dann in getrennten, homogeneren Plattformwelten, in denen ihnen abweichende Sichtweisen weniger begegnen. (…) Die Wirkung von sozialen Medien hängt von unterschiedlichen Logiken der Plattformen, Regulierungen, Mediensystemen und soziopolitischen Kontexten ab. Was auf X in den USA zu beobachten ist, sagt wenig darüber aus, was auf Weibo in China geschieht.“
  • Mitautor Mike S. Schäfer vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (UZH) ergänzte: „Über die Zeit zeigte sich jedoch, dass etablierte Akteure – darunter politische Akteure, staatliche Stellen und klassische Medien – die öffentliche Klimadebatte nach wie vor stark prägen und teilweise dominieren. Unter den nicht-etablierten Stimmen sind es zudem häufig die skeptischen, die überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. (…) Das schwächt den Journalismus in seiner Rolle als Wissensvermittler – auch beim Thema Klima. Besonders betroffen sind davon Mediensysteme mit schwachem öffentlichem Rundfunk und Regionen, in denen unabhängiger Klimajournalismus ohnehin fragil ist.“
  • Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, sieht auch die klassischen Medien in der Pflicht. Gegenüber Deutschlandfunk sagte er 2021: „Sie können am Beispiel der Klimaberichterstattung Probleme des politischen Journalismus, das Ausgebranntsein des politischen Journalismus, das Antivisionäre, das klickzahlgetriebene, das Stichflammenartige ganz wie unter einem Brennglas studieren. Also der Neuigkeitswert-Fetisch, die Orientierung am Hype, die Verherrlichung der Exklusivität, der Geschwindigkeitsrausch, das Interesse an banalen Machtkämpfen und die klammheimliche Verehrung, der klammheimliche Pakt mit Provokateuren ganz unterschiedlicher Couleur – all das können Sie sehen, all das trägt bei zu einer Atmosphäre der radikalen Gegenwartsfixierung, zu einer Atmosphäre des totalen Jetzt, so könnte man sagen. Und dieses geistige Klima steht vollkommen im Widerspruch zu dem Krisen- und Katastrophen-Typus des Klimawandels.“

Wie sieht die Zukunft der Klimakommunikation aus?

Vielleicht beginnt die Zukunft der Klimakommunikation außerhalb der sozialen Medien. Immer mehr Menschen kehren den Plattformen etwa den Rücken und haben keinen Bock mehr auf Social Media. Denn: Viele empfinden ständige Reize, Streit, Empörung und die nächste Push-Nachricht zunehmend als Belastung. Das ist in erster Linie für die Plattformen ein Problem. Für die Klimakommunikation muss es das aber keineswegs sein.

Social Media bleibt aber dennoch Fluch und Segen zugleich. Einerseits können soziale Netzwerke Klimawissen niedrigschwellig zugänglich machen, Wissenschaftler direkt mit der Öffentlichkeit verbinden und Stimmen zu Wort kommen lassen, die im klassischen Mediensystem kaum Gehör finden. Andererseits kann genau diese Offenheit zu einem Problem werden, wenn sich die Debatte immer stärker in getrennte Meinungskorridore aufteilt.

Würden soziale Netzwerke ihre gesellschaftliche Funktion ernst nehmen, müssten sie sich verändern. Algorithmen dürften nicht länger so funktionieren, dass ausgerechnet Empörung und Polarisierung mit Reichweite belohnt werden. Außerdem bräuchte es eine funktionierende Moderation, ohne dabei jede unbequeme oder unpopuläre Meinung aus dem Diskurs zu verbannen. Die Kunst könnte darin liegen, mehr Streit auszuhalten, ohne mehr Streit zu entfachen.

Denn auch das Aushalten anderer Meinungen gehört zum Diskurs. Auch der Journalismus müsste raus aus dem Reflex, jede Entwicklung zur nächsten großen Aufregung hochzuschreiben und vor allem Klicks hinterherzulaufen. Denn: Artikel und Medien nehmen in den sozialen Medien eine große Rolle ein.

Vor allem beim Klimawandel braucht es aber weniger digitales Feuer, sondern mehr Ausdauer. Es braucht mehr Erklärungen, Zusammenhänge und Einordnungen. Denn wenn am Ende alle immer nur lauter werden, aber niemand mehr zuhört, ist auch die beste Klimabotschaft oder -kritik für die Tonne.

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Kein Bock mehr auf Social Media: Warum fast jeder Zweite seine Apps löscht

16. Juli 2026 um 11:00

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digitale Erschöpfung Social Media Rückzug App löschen

Immer mehr Menschen kehren Social Media aufgrund digitaler Erschöpfung den Rücken. Laut einer aktuellen Analyse hat fast jeder Zweite schon einmal eine App gelöscht, weil sie Stress oder Angst ausgelöst hat. Kein Wunder: Die Plattformen tun alles dafür, ihre Nutzer mit psychologischen Tricks in einer Endlosschleife aus Likes, Benachrichtigungen und der Angst, etwas zu verpassen, gefangen zu halten. Eine kommentierende Analyse.

Studie: 55 Prozent schränken Social Media bewusst ein

  • Immer mehr Nutzer empfinden die Pflege ihrer Accounts in den digitalen Medien als belastende Arbeit und Stressfaktor und reduzieren deshalb ihre Aktivitäten. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Datendienstleisters Incogni, der sich mit dem Phänomen der digitalen Erschöpfung befasst hat. In einer repräsentativen Stichprobe wurden 1.000 Menschen in den USA befragt. 55 Prozent von ihnen gaben an, ihre aktive Teilnahme in den digitalen Medien eingeschränkt zu haben.
  • Laut Incogni bejahten 47 Prozent der Befragten, dass sie eine Social-Media- oder Messaging-App schon einmal gelöscht haben, weil diese Stress oder Angstzustände bei ihnen ausgelöst habe. Bei den jüngeren Generationen sei dieses Muster stärker ausgeprägt. Der Studie zufolge tragen auch eine politische Polarisierung und Datenschutzbedenken zur Abkehr bei. Das Verfolgen von Konversationen, das Beantworten von Nachrichten und die Entscheidungen darüber, was gepostet wird oder nicht, werden von 51 Prozent als zusätzliche Arbeit oder Belastung empfunden.
  • Einer repräsentativen Umfrage der Internationalen Hochschule IU zufolge befindet sich auch Deutschland im digitalen Dauerstress. 81 Prozent der Befragten sagten etwa, mindestens einmal pro Stunde aufs Smartphone oder auf ähnliche Geräte zu schauen. Knapp die Hälfte davon gab an, Angst davor zu haben, etwas zu verpassen, wenn sie offline sind. Eines der zentralen Ergebnisse: 56 Prozent der Befragten äußerten den Wunsch, häufiger offline sein zu wollen. Problem: Sozialer Druck, berufliche Erreichbarkeit oder die Angst, etwas zu verpassen, hindert viele daran.

Social-Media-Plattformen agieren wie Drogendealer

Die zunehmende digitale Erschöpfung vieler Nutzer ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich schon seit Jahren abzeichnet. So manch einer mag sich vielleicht noch an eine Zeit erinnern, in der digitale Medien wirklich sinnvoll und hilfreich waren; ja sogar Spaß gemacht haben.

Diese Zeit ist längst vorbei. Denn: Mittlerweile überwiegen die negativen Folgen, die leider weit über Erschöpfung hinausgehen. Die meisten Plattformen sind zu einem Sammelbecken aus Neiddebatten, Hass, Desinformation und Werbung verkommen und machen immer mehr Menschen süchtig.

Ja, sogar körperliche Symptome wie der sogenannte Smartphone-Finger oder -Nacken zeichnen sich ab. Warum? Weil die Plattformbetreiber ihren Nutzern mit psychologischen Tricks und Maschen permanente Aufmerksamkeit abverlangen. Wer nicht mitspielt, hat nämlich schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Wer mitspielt, ist irgendwann erschöpft, schafft den Absprung aber dennoch nicht.

Ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel sozusagen. Klar: Niemand wird gezwungen, rund um die Uhr online zu sein. Es wäre aber naiv, die Geschäftsmodelle der Tech-Konzerne auszublenden und Social-Media-Sucht mitunter nicht als Krankheit zu betrachten.

Denn: Menschen wie Mark Zuckerberg und Co. sind mittlerweile die vielleicht größten Drogenhändler der Welt. Die traurige Folge all dessen: Digitale Medien fressen nicht nur Zeit, sondern auch Nerven. Sie spalten und verrohen die Gesellschaft und machen unsere Welt mittlerweile schlechter.

Stimmen

  • Sebastian Klöß, Experte für Consumer Technology beim Digitalverband Bitkom, in einem Statement: „Digitale Anwendungen begleiten heute viele durch den ganzen Tag. Gerade deshalb kann eine bewusste Pause helfen, Routinen zu hinterfragen und wieder mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wie und wofür wir digitale Geräte nutzen wollen. Auch schon kurze Offline-Zeiten können guttun. Wer seinen Medienkonsum langfristig verändern möchte, kann zudem auf Apps und Systemeinstellungen setzen, die Nutzungszeiten transparent machen oder bestimmte Inhalte zeitweise einschränken.“
  • Laut Dimitrij Müller vom Zentrum für Verhaltensforschung der Caritas Berlin können Apps und Einstellungen zwar helfen. Bei einer fortgeschrittenen Sucht über Jahre braucht es aber medizinische Begleitung. Müller zufolge gehört Mediensucht, genau wie Glücksspiel- und Kaufsucht, zu den sogenannten Verhaltenssüchten: „Dabei wird das Suchtmittel zur Regulation von Emotionen genutzt. Statt meine Emotionen wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, drücke ich sie weg und dröhne mich mit Dopamin zu. (…) Die Anbieter werden in diesen Strategien immer aggressiver.“
  • Psychologe Christian Montag in einem Interview mit ZDFheute: „Wir wissen, dass durch Likes das ventrale Striatum, das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert wird.“ Das könne dazu führen, dass Nutzer überlegen: „Was muss ich eigentlich tun, um wieder so eine soziale Belohnung zu bekommen? Ach, ich muss ja wieder was posten“. Laut Montag sei es schwer, ein solches Verhalten wieder abzulegen, wenn es sich einmal eingeschlichen habe.

Warum die Plattformen trotzdem nicht umdenken werden

Für Instagram, Facebook, TikTok und Co. könnte die zunehmende digitale Erschöpfung ihrer Nutzer zu einem Problem werden. Denn ihr Geschäft lebt davon, dass Menschen möglichst viel Zeit auf ihren Plattformen verbringen und vor allem: immer wieder zurückkommen.

Wenn aber immer mehr Nutzer bewusst digitale Medien meiden, gerät dieses Prinzip ins Wanken. Die Betreiber selbst trifft dabei zumindest eine Teilschuld. Denn wer versucht, seine Nutzer durch immer aggressivere Algorithmen in eine Art Abhängigkeit zu drängen, muss sich nicht wundern, wenn viele irgendwann nicht mehr können oder wollen.

Ich befürchte aber, dass die wenigsten zu dieser Erkenntnis kommen und ihre Plattformen nutzerfreundlicher gestalten werden. Vielmehr dürfte das Gegenteil der Fall sein, sodass Empfehlungen, Algorithmen und neue Funktionen noch aufdringlicher werden, um Nutzern noch mehr Sorgen aufzudrängen und sie unterschwellig zum Bleiben zu treiben.

Doch das wird sich hoffentlich rächen. Bereits jetzt sind etwa Apps, Geräte oder Strategien auf dem Vormarsch, um auf digitale Medien zu verzichten. Die zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft trägt ebenso einen Teil dazu bei. Denn der Ton in sogenannten sozialen Netzwerken wird immer niveauloser und rauer.

Vor allem wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht, ist deshalb auch die Politik gefragt, die Plattformbetreiber in die Pflicht zu nehmen. Netzwerke, die wiederum von sich aus Inhalte moderieren und Nutzer nicht überfrachten, könnten zu den heimlichen Gewinnern einer traurigen Entwicklung werden.

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