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Dreimal mehr Klicks: Wie KI-Chatbots unsere Kaufentscheidungen manipulieren
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Wie stark beeinflussen KI-Chatbots unsere Kaufentscheidungen? Diese Frage hat sich ein Forschungsteam aus Princeton gestellt. Das Ergebnis der Studie ist beunruhigend, denn nicht nur werden wir manipuliert – es bekommt auch noch kaum jemand mit. Die neuen Werbeschaltungen von ChatGPT verschärfen die Problematik zusätzlich.
Schon seit der Einführung von ChatGPT stellt sich die Frage, wie sich von Privatpersonen genutzte KI-Chatbots für die Betreiber amortisieren sollen. Da Künstliche Intelligenz immer häufiger auch als Suchmaschine genutzt wird, scheint Werbung der einfachste Weg zu sein. Immerhin zeigt auch Google oben in der Liste gesponserte Ergebnisse an. Und tatsächlich blendet ChatGPT seit Kurzem Werbeanzeigen ein.
Chatbots mit Werbung sind nervig, aber das eigentliche Problem liegt an anderer Stelle. Denn Anzeigen sind als solche gekennzeichnet. Wenn die Empfehlungen aber subtil im Chat erwähnt werden, ist die Beeinflussung der Nutzer deutlich effektiver. Inzwischen lassen sich immer mehr Menschen von KI-Assistenten Produkte vorschlagen.
Mehr als jeder dritte Konsument in den USA verwendet bereits generative KI zur Produktsuche oder lässt Artikel von einem Chatbot vergleichen. Und fast jeder Vierte hat schon einmal mit Hilfe der KI einen Kauf getätigt. Dabei setzen die Nutzer eine gewisse Objektivität voraus, aber ob die Modelle diese wirklich bieten, kann niemand nachprüfen.
So manipulieren uns KI-Chatbots
Wie sehr uns Chatbots bei Käufen beeinflussen, haben drei Informatiker der Universität Princeton untersucht. Die Ergebnisse ihres Experiments haben sie unter dem Titel Commercial Persuasion in AI-Mediated Conversations veröffentlicht.
Der Ablauf: Circa 2.000 E-Book-Leser mussten aus einer vorgelegten Liste ein Buch auswählen. Jedes fünfte Buch war im Hintergrund als „gesponsert“ markiert, doch davon wussten die Teilnehmer nichts. Diverse Varianten wurden getestet: eine schlichte Liste mit Suchergebnissen, eine KI mit objektiven Beschreibungen und ein Chatbot, dessen Aufgabe es war, die markierten Bücher anzupreisen. Verwendet wurden ChatGPT, Gemini, Claude, DeepSeek und Qwen.
Das Ergebnis: Im Rahmen der unkommentierten Liste griffen 22 Prozent der Teilnehmer zu einem der markierten Bücher. Bei der Nutzung der neutralen KI waren es schon 26,8 Prozent. Doch mit dem Chatbot, der die gesponserten Texte vertreiben sollte, lag der Wert bei 61 Prozent. Kurz gesagt: Eine KI könnte Produkte problemlos verkaufen.
Was hilft gegen KI-Werbung?
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, heißt es bei Kant. Doch Aufklärung alleine hilft oft wenig, denn der Mensch ist bequem. Auch nachdem der Bias der KI aufgedeckt wurde, blieben die meisten Studienteilnehmer bei ihrer Wahl – sogar, wenn ihnen ein Dollar angeboten wurde, um diese zu ändern.
Selbst eine Warnung vorab änderte an den Ergebnissen wenig. Wenn die Studienteilnehmer wussten, dass die KI ihnen etwas verkaufen will, wählten immer noch 55,5 Prozent eines der markierten Bücher.
Das größte Problem scheint das naive Vertrauen vieler Nutzer gegenüber Chatbots zu sein. Selbst wenn ein Modell aggressives Verkaufsverhalten zeigte, erkannten nur 17,9 Prozent die Absicht dahinter. Sollte die KI die Werbung subtil einbauen, waren es sogar nur noch 9,5 Prozent, die ihr auf die Schliche kamen.
Der Unterschied zu klassischer Werbung
Klassische Werbung ist in der Regel abgekoppelt von anderen Tätigkeiten. Beim Fernseher lässt sie sich wegschalten, bei Internetwerbung wegklicken oder drüberscrollen. Doch beim Chatten mit einer KI gibt es diese klare Trennung nicht. Und es gibt keinen Adblocker. Die Werbung wird ähnlich wie beim Influencer-Marketing Teil der Tätigkeit. Das macht sie deutlich subtiler und effektiver.
Da viele Nutzer einen Chatbot wie einen menschlichen Gesprächspartner behandeln, wirken Empfehlungen nicht wie Werbung. Die übliche unterwürfige Zustimmung der meisten KIs verstärkt zudem das Gefühl, die Wahl am Ende selbst getroffen zu haben.
Die Forscher fordern deshalb Maßnahmen gegen KI-Werbung. Sie müsse gekennzeichnet werden, so wie es momentan bei ChatGPT der Fall ist, doch das alleine reiche nicht aus. Stattdessen müsse es eine klare Trennung geben, sodass Systeme mit Beratungsfunktion nicht auf Werbung optimiert werden können. Eine Alternative wären unabhängige Prüfungen der jeweiligen System-Prompts.
Die Studie zeigt die Gefahren durch manipulative Chatbots. Sie zeigt aber auch, wie lukrativ Werbung durch KIs sein kann. Als Konsumenten können wir uns nur immer wieder klarmachen, dass Kaufempfehlungen eines KI-Chatbots wie eine Werbeanzeige behandelt werden sollten.
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Bücherverscannung: Mysteriöse KI-Bestellungen privatisieren Wissen
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KI-Konzerne wie Anthropic kaufen über Zwischenhändler massenhaft Bücher aus Antiquariaten auf. Allein in Deutschland sind es schätzungsweise 700.000 Titel. Die Werke werden eingescannt, als Trainingsdaten für Chatbots genutzt und dann teilweise entsorgt. Was wie eine Bücherverbrennung 2.0 anmutet, offenbart ein neues Problem: Wer kontrolliert künftig den Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit? Eine kommentierende Analyse.
Wie die KI-Konzerne an hunderttausende Bücher kommen
- Am 27. Januar 2026 berichtete die Washington Post unter Berufung auf Gerichtsunterlagen erstmals, dass große KI-Anbieter massenhaft Bücher kaufen würden, um ihre Sprachmodelle damit zu füttern und zu trainieren. Anthropic soll unter dem Namen Project Panama seit 2024 etwa Millionen Bücher erworben, eingescannt und seinem Chatbot Claude einverleibt haben. Ein Großteil der Dokumente kam erst Anfang 2026 ans Licht. Anthropic hatte sich im Rahmen eines Rechtsstreits, den zahlreiche Buchautoren angestrengt hatten, bereit erklärt, 1,5 Milliarden US-Dollar zur Beilegung zu zahlen. Der zuständige Bezirksrichter entschied zudem, dass das Unternehmen über 4.000 Dokumente veröffentlichen muss.
- Nachdem Project Panama publik wurde, häuften sich nach und nach Berichte von Antiquariaten über ungewöhnliche Bestellungen. Betroffen sind unter anderem auch Buchhändler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie der Verband der deutschen Antiquare berichtet, soll es sich um Massenbestellungen in Höhe von 10.000 bis zu 50.000 Euro gehandelt haben. Viele Händler waren zunächst skeptisch. Doch bei der Abwicklung soll alles ordnungsgemäß gelaufen sein. Bezahlt wurde etwa über die Plattform AbeBooks, auf der Händler ihre Bücher anbieten können.
- Seit April 2026 sind vor allem in Deutschland immer mehr nächtliche Massenbestellungen bei Antiquariaten eingegangen. Das Muster scheint meist dasselbe zu sein. Pro Händler werden hunderte Bücher bestellt – pro Titel immer ein Exemplar. Meistens soll es sich um Sachbücherbestellungen des kanadischen Unternehmens Zoom Books handeln, das sich selbst als Buch-Recycler bezeichnet. Geliefert wurde an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Die Vermutung: Von dort gehen die Bücher in die USA, um den Informationshunger der KI-Branche zu stillen. Schätzungen zufolge handelt es sich allein in Deutschland um etwa 700.000 Titel. Pikant: Einige berichten sogar, dass die meisten Bücher nach dem Einscannen entsorgt werden.
Bücherverbrennung 2.0? Warum der Vergleich hinkt
Nicht nur Anthropic, sondern auch Google, Meta und OpenAI haben ein Interesse an dem Stoff, der seit Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zwischen zwei Buchdeckeln steht. Für Antiquariate mag das zunächst ein unverhofftes und durchaus lukratives Geschäft sein. Doch aus alten Wälzern im Regal ist mittlerweile ein begehrter Datenschatz geworden, der Rohstoff für die KI-Industrie ist.
Der Grund: Das Wissen im Netz ist nicht unendlich. Vieles wurde bereits ausgeschöpft, anderes ist gar nicht digital verfügbar. In alten Büchern schlummert aber noch immer ein gewaltiger Wissensspeicher aus historischen Erkenntnissen, wissenschaftlichen Arbeiten, vergessenen Perspektiven und jahrzehntealten Debatten. Das Problem dabei ist aber nicht nur, dass Bücher für KI digitalisiert werden.
Der Hype um eine vermeintlich neue Bücherverbrennung führt vielmehr in eine falsche Richtung. Oder: Eine Bücherverbrennung 2.0 findet, da es sich allenfalls um einzelne Exemplare handelt, nicht statt. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn aus dem kulturellen Gedächtnis ein Rohstofflager wird, das wenige Unternehmen nach Belieben ausbeuten.
Auch rechtlich ist die Sache komplizierter, als es die Debatte vermuten lässt. Das Urheberrecht schützt schließlich nicht das Papier, sondern das geistige Eigentum dahinter – also unter anderem Ideen, Argumente, Methodik, Struktur und die konkrete Verschriftlichung. Das Scannen von Büchern für das KI-Training ist in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen zudem zulässig, etwa wenn das Werk rechtmäßig erworben wurde, nur der Erhebung von Daten dient und nicht vervielfältigt wird.
Eine Vergütung der Urheber ist aber nicht vorgesehen. Spätestens bei der Frage, ob die Trainingskopien nach ihrer Nutzung tatsächlich gelöscht werden oder für die nächste Modellgeneration weiterleben, steht hinter einer rechtlichen Grauzone aber ein fettes Fragezeichen. Hinzu kommt: Werden die Daten in den USA verarbeitet, gilt das dortige Recht, das den KI-Anbietern weitreichende Befugnisse einräumt.
Stimmen
- Markus Brandis, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Antiquare e.V. (VDA), in einem Memorandum: Ihm sind „zahlreiche Fälle bekannt. (…) Die aktuellen Berichte sind also stimmig, auch, dass die Namen Zoom Books und Project Panama dahinterstehen. (…) Noch sollten wir allerdings nicht im eigentlichen Wortsinn von ‚Künstlicher Intelligenz‘ sprechen, es handelt sich noch um ‚Maschinelles Lernen‘, d. h. dass die Maschinen alles vom Menschen einst Erfahrene, Erlernte, Erforschte und ErfundenE übernehmen. Und hier genau kommen die Firmen mit den Masseneinkäufen der Bücher ins Spiel. Die CEOs (noch sind es Menschen) der Firmen haben begriffen, dass das gesamte Menschheitswissen in den Büchern liegt, über Jahrhunderte in Büchern konserviert und durch Bücher – erst per Abschrift, dann per Druck – tradiert wurde.“
- Rolf Brehmer, der ein Kunstantiquariat in München führt, erhielt im Mai und Juni 2026 jeweils eine Bestellung des kanadischen Unternehmens Zoom Books über die Amazon-Tochter AbeBooks. Auf die Frage, ob KI-Firmen die Antiquariate ausrauben würden, sagte er gegenüber der Süddeutschen: „Das ist völliger Unsinn. Denn letztendlich wird von einem Titel immer nur ein Exemplar gekauft (…). Insofern ist es im Grunde keine Vernichtung von Wissen oder Kulturgut, zumindest, was den haptischen Besitz betrifft, sondern ein Zusammenraffen aller Themen, jeweils mithilfe eines einzigen Exemplars. (…) Ich sehe in dieser Aktion, wie in vielen anderen Datensammlungen, die Gefahr, dass irgendwann ein Konzern oder eine Regierung einer schon stark digital gesteuerten Bevölkerung die geistigen Aktivitäten im Bereich Literatur und Zeitgeschichte vorgibt und damit die kulturelle und emotionale Entwicklung beeinflusst – bis hin zur monopolisierten Meinungssteuerung.“
- Und was sagen die KI-Unternehmen? Anthropic teilte auf eine Anfrage hin mit: „Claude wird auf einer Mischung von öffentlich zugänglichen Web-Daten, kommerziell erworbenen Datensätzen und selbst generierten Daten trainiert. Bei keinem unserer Programme zum Datenankauf werden seltene oder antiquarische Bücher zerstört.“ Von Google hieß es: „Wir respektieren das Urheberrecht, arbeiten in Partnerschaft mit anderen und geben Verlagen die Kontrolle darüber, wie ihre Inhalte verwendet werden.“ Mit dem Projekt Google Books habe das Unternehmen „Hunderten von Bibliotheken weltweit geholfen, gemeinfreie Werke für zukünftige Generationen zu digitalisieren – und dabei die physischen Exemplare unversehrt zurückgegeben“. Eine öffentliche Stellungnahme von OpenAI gibt es bisher nicht.
Droht eine Privatisierung des Menschheitswissens?
Selbst wenn die KI-Anbieter sämtliche rechtlichen Vorgaben einhalten würden, bleibt ein Problem, das noch viel größer sein könnte als die Frage nach Millionen gescannten Büchern. Denn: Wer entscheidet, welches Wissen die Gesellschaft zu sehen bekommt? Big Tech bestimmt etwa heute schon über Suchmaschinen und Plattformen mit, welche Informationen prominent auftauchen und welche irgendwo im digitalen Nirvana verschwinden.
Bei Chatbots könnte dieser Einfluss noch unmittelbarer werden. Die Gefahren wären im schlimmsten Fall einseitige, unvollständige oder unkritische Informationen. Denn ein KI-Modell kann nicht nur Wissen zugänglich machen, sondern durch Auswahl und Gewichtung auch die Wahrnehmung prägen. Oder: manipulieren!
Wenn Google, Anthropic und Co. ihren Chatbots diverse Online-Artikel oder Bücher einverleiben, ihre Modelle damit trainieren und geistiges Eigentum ohne Nachfrage oder Vergütung vervielfältigen, entsteht ein ziemlich einseitiger Deal. Oder: Die einen liefern den geistigen Rohstoff, ohne davon zu profitieren, und die anderen bauen daraus KI-Modelle, um Geld zu scheffeln.
Klar: Eine Digitalisierung von altem Wissen und Informationen ist zunächst einmal toll. Doch nicht einzelne Unternehmen sollten die Macht darüber haben, was davon zugänglich gemacht wird und was nicht. Und vor allem: Sie sollten es nicht ohne Absprache tun.
Sonst könnte aus der Digitalisierung des Menschheitswissens am Ende eine Privatisierung des Zugangs dazu werden. Und aus dem Versprechen, Wissen für alle verfügbar zu machen, ein System, in dem einige wenige Konzerne zum Wächter des kollektiven Gedächtnisses werden.
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Gegen die menschliche Dekadenz: Was bringt der Temu-Zoll?
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Seit dem 1. Juli 2026 erhebt die EU einen Zoll auf Kleinsendungen mit einem Warenwert unter 150 Euro aus Nicht-EU-Ländern. Pro Warengruppe und Paket fallen drei Euro an. Damit reagiert Brüssel auf eine Paketflut aus China, die die Zollbehörden an ihre Grenzen bringt. Doch der sogenannte Temu-Zoll könnte nicht nur Kontrollen erleichtern, sondern auch die menschliche Dekadenz abwürgen – zumindest ansatzweise. Eine kommentierende Analyse.
So funktioniert der neue Temu-Zoll
- Die Europäische Union will Billigimporte aus China mit neuen Zollregeln stärker kontrollieren. Für zahlreiche Kleinsendungen mit einem Warenwert unter 150 Euro fällt seit dem 1. Juli 2026 ein vorübergehender Zoll von drei Euro pro Warengruppe an. Sprich: Für drei in einem Paket versendete T-Shirts fallen insgesamt drei Euro Zoll an. Kommt beispielsweise ein günstiges Kinderspielzeug hinzu, müssen noch einmal drei Euro bezahlt werden. Die EU will mit den Gebühren die durch die Paketflut aus China steigenden Kosten für Zollkontrollen und Zollüberwachung decken. Den Zoll sollen Plattformen und Verkäufer wie Temu, AliExpress oder Shein zahlen. Theoretisch können diese die Gebühren aber über höhere Preise auf die Verbraucher umlegen.
- Frankreich hat bereits seit März 2026 eine Paketsteuer in Höhe von zwei Euro für Kleinsendungen mit einem Warenwert von unter 150 Euro aus Nicht-EU-Staaten erhoben. Paris hat die Gebühr mit dem Inkrafttreten der neuen EU-Regeln aber kurzfristig aufgehoben. Chinesische Unternehmen haben den Zoll zuvor erfolgreich umgangen, indem sie Sendungen zunächst in andere EU-Länder geschickt und dann nach Frankreich gebracht haben. Eigentlich sollte die französische Paketsteuer zusätzlich zum neuen EU-Zoll erhoben werden.
- Laut EU-Kommission kamen 2025 rund 5,9 Milliarden Sendungen mit geringem Warenwerte aus Nicht-EU-Ländern in Europa an, ohne dass ein Zoll anfiel. Das entspricht einem relativen Zuwachs von 325 Prozent im Vergleich zum Jahr 2022 mit 1,39 Milliarden Billigimporten. Das Problem: Nicht nur wurden die Zollbehörden durch die Paketflut von Temu, Shein, AliExpress und Co. überlastet – viele europäische Unternehmen sehen sich durch Billigproduktionen aus China benachteiligt. Etliche Produkte von Temu und Shein enthalten zudem Giftstoffe, die die erlaubten Grenzwerte mitunter deutlich überschreiten. Jedes Frachtflugzeug, das sich von China nach Europa auf den Weg macht, bläst außerdem hunderte Tonnen CO2 in die Atmosphäre.
Warum drei Euro pro Paket mehr bewirken könnten als gedacht
Die neue EU-Zollregel ist weitaus mehr als nur eine kleine Änderung im Zollrecht. Sie ist der Versuch, die Preise für eine Konsumkultur anzuheben, die sich viel zu lange als Schnäppchenjäger-Paradies tarnen konnte. Wer in Sekundenschnelle Kleidung oder Spielzeug vom anderen Ende der Welt bestellt, es wenige Wochen nutzt und dann aufgrund schlechter Qualität wegschmeißt, verursacht Kosten, die bislang andere getragen haben: die Umwelt, die Zollbehörden und indirekt auch europäische Hersteller.
Die neue Vorschrift könnte aber nicht nur die Paketflut und CO2-Emissionen ein Stück weit eindämmen, sondern auch die menschliche Dekadenz. Die Welt wird dadurch vielleicht ein kleines bisschen besser. Natürlich werden drei Euro pro Warensendung nicht den kompletten Kaufrausch beenden. Denn wer aus Prinzip jeden noch so billigen Ramschartikel bestellt, wird sich vom Temu-Zoll vermutlich nicht abschrecken lassen.
Doch in Zeiten klammer Kassen und geschröpfter Portemonnaies könnte genau dieser kleine Aufpreis ausreichen, damit viele Verbraucher vor dem Klick auf den Bestellbutton noch einmal nachdenken. Der wahre Wert der Maßnahme liegt deshalb eher in einer Signalwirkung. Billig darf nämlich nicht länger bedeuten, dass Folgekosten einfach ausgeblendet werden.
Denn nicht nur Windräder, Solaranlagen, Stromspeicher oder intelligente Netze bringen die Energiewende voran und dämmen Emissionen ein. Auch der Staat kann Regeln festlegen, indem er klimaschädliches Verhalten verteuert und nachhaltigere Alternativen attraktiver macht. Oder: Wer sich gleichzeitig über Hitzewellen mit Temperaturen jenseits der 40 Grad beklagt, sollte sich beim nächsten Mal auch fragen, ob der zehnte Billigpullover mit Giftstoffen und schlechtem CO2-Fußabdruck wirklich unverzichtbar war.
Stimmen
- Maroš Šefčovič, Mitglied der EU-Kommission für Handel und wirtschaftliche Sicherheit, interinstitutionelle Beziehungen und Transparenz, zu den Plänen der EU: „Unser Ziel ist klar: ein modernes, digitales Umfeld, das den reibungslosen internationalen Handel ermöglicht und gleichzeitig die Stärke und Integrität unseres Binnenmarkts schützt. Der rasante Anstieg des Online-Handels verändert unsere Welt – und wir brauchen die richtigen Instrumente, um mit diesem raschen Wandel Schritt zu halten. Aus diesem Grund ist die Entscheidung, Zölle auf kleine Pakete, die in die EU eingeführt werden, zu erheben, so wichtig: Es geht darum, in den Zeiten des Online-Handels den fairen Wettbewerb an unseren Grenzen zu gewährleisten.“
- Mao Ning, Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, in einem Statement: „Die Handelsbeziehungen zwischen China und der EU sind von Natur aus für beide Seiten vorteilhaft. China strebt keinen Handelsüberschuss an. Protektionismus würde lediglich den Interessen der europäischen Verbraucher schaden und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie schwächen. Wir hoffen, dass die EU die Handelsbeziehungen mit China in die richtige Perspektive rückt und ihrem Bekenntnis zum Freihandel treu bleibt. China verfolgt die Schritte der EU aufmerksam und wird die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um seine legitimen Rechte und Interessen zu wahren.“
- Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe (DUH), gehen die Pläne der EU nicht weit genug: „Drei Euro Zollaufschlag werden den Billigrausch nicht stoppen. Solange Unternehmen Milliarden kurzlebiger Kleidungsstücke ohne die Berücksichtigung ökologischer Folgekosten auf den europäischen Markt bringen können, bleibt der Wettbewerb zulasten von Umwelt und Klima verzerrt. Mit dem geplanten Textilgesetz hat Bundesumweltminister Schneider die einzigartige Chance, ein Anti-Fast-Fashion-Gesetz zu schaffen. Dafür müssen die Herstellerbeiträge konsequent an verbindliche Umweltkriterien gekoppelt werden. Wer giftige, kurzlebige und schwer recycelbare Textilien verkauft, muss massiv höhere Beiträge zahlen als Hersteller langlebiger, schadstoffarmer und kreislauffähiger Kleidung.“
Ändern die China-Anbieter ihr Geschäftsmodell?
Für Verbraucher wird sich der Einkauf bei Temu, Shein und Co. schleichend verändern. Offiziell müssen zwar die Plattformen und Hersteller die neue Zollabgabe zahlen, aber kaum ein China-Händler wird diese zusätzlichen Kosten dauerhaft selbst schultern. Höhere Produktpreise, steigende Versandkosten oder neue Gebührenmodelle sind deshalb wahrscheinlich. Hinzu kommt, dass viele Pakete durch intensivere Kontrollen zumindest in der Anfangsphase länger unterwegs sein werden – auch von seriösen Anbietern außerhalb der EU.
Interessanter erscheint mir aber die Frage, wie die Plattformen reagieren werden. Wahrscheinlich werden sie ihr Geschäftsmodell anpassen, anstatt damit aufzuhören, der menschlichen Dekadenz und Konsumgesellschaft zu schmeicheln. Viele Anbieter setzen beispielsweise schon auf Lager innerhalb der EU, um Waren in größeren Mengen einzuführen und dann schneller an Kunden weiterzuleiten.
Das System der unzähligen Kleinsendungen verliert damit an Attraktivität; nicht aber das Geschäft selbst. Denn nur der bisherige Weg dorthin wird teurer und komplizierter. Die Reform ist aber ohnehin nur ein Zwischenschritt. Spätestens mit der geplanten gemeinsamen digitalen Zollplattform will die EU ihre 27 nationalen Zollbehörden ab 2028 enger vernetzen und Kontrollen effizienter gestalten.
Gleichzeitig soll dann die Drei-Euro-Pauschale wieder entfallen und durch das reguläre Zollsystem ersetzt werden. Die Stoßrichtung ist damit klar. Der grenzenlose Billigimport soll Schritt für Schritt ausgebremst werden. Ob daraus am Ende auch ein bewussterer Konsum entsteht, entscheidet allerdings nicht Brüssel, sondern jeder Klick oder Nicht-Klick auf den Bestellbutton.
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