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Werbung mit Kindesmissbrauch: Meta nimmt das Problem nicht ernst

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Nachtsperre, Limits, keine Likes: Reicht das, um Kinder vor Meta zu schützen?

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Facebook-Konzern Meta kauft sich mit 16,68 Milliarden US-Dollar aus einem der brisantesten Tech-Prozesse aller Zeiten heraus – und kommt damit vergleichsweise glimpflich davon. 29 US-Bundesstaaten werfen dem Konzern vor, Minderjährige mit Funktionen wie endlosem Scrollen bewusst abhängig gemacht zu haben. Neben der Milliardenzahlung verpflichtet sich Meta aber auch, seine Plattformen zu ändern. Diese Änderungen könnten deutlich mehr wert sein. Doch um Teenager zu schützen, will ausgerechnet Meta noch mehr Daten sammeln. Eine kommentierende Analyse.

Diese Maßnahmen muss Meta zum Kinderschutz ergreifen

  • Meta soll Minderjährige durch seine Algorithmen und Funktionen auf Instagram und Facebook bewusst abhängig gemacht haben. Das werfen zumindest 29 US-Bundesstaaten dem Unternehmen vor. Vier davon – Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey – haben am 24. August 2026 einen Prozess vor dem Bundesgericht in Oakland (Kalifornien) angeführt. Der Vorwurf: Meta soll Minderjährige mit Funktionen wie endlosem Scrollen, einer Flut an Benachrichtigungen und dem Zählen von „Gefällt mir“-Angaben gezielt möglichst lange auf seinen Plattformen gehalten und eine Sucht in Kauf genommen haben. Nur rund eine Woche nach Prozessbeginn einigten sich alle Beteiligten auf einen Vergleich. Meta verpflichtet sich zu einer Zahlung von 16,68 Milliarden US-Dollar und Änderungen seiner Plattformen.
  • Die Einigung besteht zwischen Meta und allen 29 klagenden US-Bundesstaaten. Der Facebook-Konzern hat sich dazu verpflichtet, die Vergleichszahlungen in zehn Tranchen bis 2035 zu begleichen. Die Höhe der Summe variiert je nach Bundesstaat und ist Bestandteil der vorherigen Verhandlungen. Meta verpflichtet sich zudem zu landesweiten Änderungen für jugendliche Nutzer. Dazu gehören: standardmäßige tägliche Zeitlimits (eine Stunde pro Plattform), nächtliche Zugangssperren (22:00 bis 07:00 Uhr), die Zahl der Likes und Reaktionen wird Jugendlichen nicht mehr angezeigt, Eltern erhalten zusätzliche Kontrollfunktionen, der Sortieralgorithmus der Startseite kann künftig deaktiviert werden, Benachrichtigungen sollen zwischen 8:00 Uhr und 15:00 Uhr nicht mehr angezeigt werden.
  • Hintergrund der Vorwürfe sind die sogenannten Facebook-Files. Die ehemalige Facebook-Angestellte Frances Haugen hatte Ende 2021 konzerninterne Unterlagen zu den Auswirkungen von Instagram und Facebook auf die seelische Gesundheit ihrer Nutzer publik gemacht. Demnach soll Meta von den gesundheitsschädlichen Folgen für Minderjährige gewusst haben. Vorbild für die historische Klage war die Tabakindustrie. Unternehmen wie Philip Morris hatten jahrzehntelang geleugnet, dass Zigaretten und Rauchen krebserregend sind und süchtig machen. Mitte der 1990er-Jahre packte dann ein Insider aus und räumte ein, dass die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wurde. Über 40 US-Bundesstaaten verklagten die Tabakindustrie. Es folgte eine Einigung über eine Vergleichszahlung in Höhe von 206 Milliarden US-Dollar über 25 Jahre.

Jugendschutz oder Überwachung? Was der Vergleich wirklich bedeutet

Dass bereits rund eine Woche nach Prozessauftakt ein Vergleich erzielt wurde, erscheint überraschend schnell. Möglich, dass bereits im Vorfeld entsprechende Fäden gezogen und Verhandlungen geführt wurden. Relativ klar hingegen war, dass Meta einen Vergleich angestrebt haben wird, um einen wochen-, monate- oder gar jahrelangen Streit zu vermeiden.

Gewissermaßen hat sich der Facebook-Konzern aus der Sache herausgekauft. Auch die Summe ist durchaus realistisch und als Zahl an sich gewaltig. Rund 17 Milliarden US-Dollar erscheinen angesichts der Marktkapitalisierung von Meta mit fast 1,5 Billionen US-Dollar im ersten Moment zwar gering. Doch für das Unternehmen sind das keinesfalls Peanuts; sie sind aber auch nicht existenzbedrohend. Indes: Meta hat nicht 1,5 Billionen US-Dollar auf dem Konto.

Die Marktkapitalisierung basiert auf dem Aktienkurs, der Umsätze, Gewinne, Cashflows und Aktionäre mit einschließt. Indes: Die Änderungen, zu denen sich Meta verpflichtet hat, könnten, was den Schutz Minderjähriger angeht, eine größere Rolle einnehmen als das Preisschild.

Denn erstmals werden zentrale Mechanismen, die Jugendliche besonders lange auf den Plattformen halten sollen, direkt zum Gegenstand verbindlicher Änderungen. Spannend wird dabei vor allem der Umgang mit dem Alter sein. Denn Meta setzt etwa nicht einfach auf eine Anmeldung mit Personalausweis oder über die Eltern, sondern auf sogenanntes Age Assurance.

Mithilfe von KI und verschiedenen Signalen will der Konzern einschätzen, ob ein Konto einem Teenager gehört – beispielsweise anhand von Profilinformationen, Beiträgen, Kommentaren oder Hinweisen auf Alter und Schulstufe. Auch Fotos und Videos sollen analysiert werden. Ist die Einschätzung nicht eindeutig, würden zusätzliche Prüfungen wie eine Gesichtsaltersschätzung oder die Prüfung eines Ausweisdokumentes folgen. Neues Problem dabei: Auch KI-Algorithmen irren sich regelmäßig.

Will heißen: Der eine oder andere junge Erwachsene könnte aufgrund einer fälschlichen Auswertung von Daten im Kinderzimmer verortet werden. Oder: Der Schutz Minderjähriger könnte ausgerechnet dazu führen, dass Meta noch mehr Informationen über seine Nutzer sammelt und auswertet. Doch wenn Teenager noch gläserner werden, wäre das ein ziemlich ironischer Nebeneffekt. Der Vergleich beendet den Konflikt also vermutlich nicht, sondern eröffnet einen neuen – zwischen Jugendschutz, Datenschutz und digitaler Selbstbestimmung.

Stimmen

  • Generalstaatsanwalt Jay Jones in einem Statement: „Meta hat die Öffentlichkeit jahrelang absichtlich über süchtig machende und schädliche Funktionen getäuscht, die verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen hatten.“ Der Vergleich werde „diesen gefährlichen Praktiken ein Ende setzen.“ Die erzielte Einigung sei laut Jones eine der größten in der Geschichte des staatlichen Verbraucherschutzes.
  • Meta teilte in einer Stellungnahme mit: „Die Vereinbarung soll die branchenweite Umsetzung vorantreiben und sicherstellen, dass Jugendliche in den von ihnen am häufigsten genutzten Apps wie YouTube und TikTok einheitlichen Schutz genießen. Wenn sich andere Unternehmen der Branche diesem neuen Standard anschließen, werden bestimmte Bestimmungen verschärft. Die meisten Bestimmungen müssen für 10 Jahre gelten, doch unsere Funktionen Zeitlimit und Nachtmodus sehen zunächst eine Laufzeit von fünf Jahren vor. Sollten sich jedoch andere Unternehmen der Branche der Vereinbarung anschließen, wird sich diese Verpflichtung auf 10 Jahre verlängern und es werden strengere Standardbeschränkungen eingeführt.“
  • Fabian Mehring, Bayerischer Staatsminister für Digitales (Freie Wähler), in einem Statement: „Was Kinder in Amerika schützt, muss auch Kindern in Europa nutzen. Der Vergleich der U.S.-Bundesstaaten mit Meta zeigt eindrucksvoll: Der digitale Raum ist kein rechtsfreier Raum – und Kinderschutz darf an keiner Landesgrenze Halt machen. Statt reflexartig über pauschale Social-Media-Verbote ohne Wirkung zu diskutieren, brauchen wir endlich konkrete Lösungen, die in der digitalen Lebenswirklichkeit unserer Kinder funktionieren: Wirksame Alterschecks, klare tägliche Nutzungsgrenzen, Schutz in den Nachtstunden und starke Werkzeuge für Eltern. Kurz gesagt: weniger Symbolpolitik, mehr digitaler Kinderschutz mit Wirkung.“
  • Die US-amerikanische NGO Electronic Frontier Foundation (EFF) warnt in einer Stellungnahme: „Im Rahmen dieser Einigung haben junge Nutzer nun weniger Zugang zu Meta-Produkten und sind in geringerem Maße in der Lage, ihre Rechte auf freie Meinungsäußerung, Zugang zu Informationen, Kunst und Kultur, Vereinigungsfreiheit und die Bildung von Gemeinschaften sowie auf Spiel und Freizeit auszuüben. Der Vergleich sieht zudem die Einbindung von Altersüberprüfungen in jedes Produkt vor und schreibt die Erhebung noch mehr personenbezogener Daten von Nutzern aller Altersgruppen vor; damit wird die schädliche Überwachung durch Meta gesetzlich verankert, was die Privatsphäre und Anonymität der Nutzer gefährdet und sie gleichzeitig einem erhöhten Risiko von Datenschutzverletzungen und Datenanfragen durch Behörden aussetzt.“

Funktionieren Zeitlimits und Nachtsperren in der Praxis?

Was mit den Meta-Milliarden passiert, liegt an den einzelnen US-Bundesstaaten. Hoffentlich verschwindet das Geld nicht einfach in irgendwelchen Haushaltslöchern, sondern fließt zumindest teilweise in die Gesundheitsvorsorge, Prävention und Unterstützung betroffener Familien.

Das Geld wird zwar die Bundeshaushalte und Meta-Bilanz verändern. Es kann aber niemals vergeudete Bildschirmzeit zurückgeben. Entscheidend wird deshalb sein, ob aus dem Vergleich tatsächlich ein langfristiger Schutz entsteht. Erfolg oder Misserfolg werden sich vor allem daran messen lassen, wie konsequent Meta die neuen Funktionen umsetzt und ob sie in der Praxis überhaupt funktionieren.

Denn: Zeitlimits lassen sich umgehen; Nachtsperren lassen sich austricksen. Oder kurzum: Es wird Kinder und Jugendliche geben, die einen Weg um die technischen Schranken finden werden. Zumindest in der Theorie dürften die Vorteile aber zunächst einmal überwiegen – auch gegenüber einem pauschalen Social-Media-Verbot.

Über einen Ausschluss von Kindern unter zwölf Jahren könnte man vielleicht zumindest noch einmal nachdenken. Doch nicht nur die Plattformen, sondern auch Erziehungsberechtigte und Bildungseinrichtungen sind in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Ein Teil des Geldes wäre sicherlich in entsprechenden Aufklärungsmaßnahmen gut aufgehoben.

Für Europa könnte der US-Vergleich indes zu einer Art Testballon werden. Denn was in den USA funktioniert – oder eben nicht funktioniert –, könnte die Debatte über Alterskontrollen, Nutzungsgrenzen und den Schutz Minderjähriger auch hier beeinflussen. Dabei darf allerdings nicht unter den Tisch fallen, dass strengere Zugangshürden auch die demokratische Teilhabe einschränken können.

Denn vor allem Jugendliche, die weniger Zugang zu digitalen Plattformen haben, haben theoretisch auch weniger Zugang zu Informationen, Gemeinschaften und öffentlichen Debatten. Dennoch können gewisse Einschränkungen aus Gründen des Gesundheitsschutzes gerechtfertigt sein – zumindest solange sie verhältnismäßig sind. In der Theorie scheint das auf die Änderungen in den USA durchaus zuzutreffen. In der Praxis müssen sie sich aber zunächst einmal beweisen.

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Podcast: ChatGPT schwatzt Nutzern in Deutschland jetzt Werbung auf

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BREAK THE WEEK Podcast

BREAK/THE WEEK ist dein wöchentlicher Tech-Talk von BASIC thinking, der dich hinter die Kulissen der Tech-Welt nimmt. In dieser Ausgabe diskutieren wir über ChatGPT mit Werbung in Deutschland, Metas Zugeständnisse in Mammutprozess und den größten Batteriespeicher Deutschlands.

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Die Themen dieser Ausgabe:

  • Warn-App „Schorsch“ für Hundehalter startet in der Schweiz
  • Meta einigt sich auf 16,68-Milliarden-US-Dollar-Vergleich in Sucht-Prozess
  • Deutschlands größter Batteriespeicher geht in Betrieb
  • Stanford-Studie: ChatGPT spart Zeit – die auf Social Media landet
  • ChatGPT zeigt jetzt Werbung in Deutschland – was das für Nutzer bedeutet
  • YES OR NO: KI-Steuer, E-Auto-Kauf, Partei-Werbung auf Social Media und mehr
  • Ankündigung: BREAK/THE WEEK erscheint künftig monatlich

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Podcast: Hat Mark Zuckerberg Kinder bewusst süchtig gemacht?

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BREAK THE WEEK Podcast

BREAK/THE WEEK ist dein wöchentlicher Tech-Talk von BASIC thinking, der dich hinter die Kulissen der Tech-Welt nimmt. In dieser Ausgabe diskutieren wir über den Mammutprozess gegen Meta, ein nutzloses KI-Wasserzeichen von Anthropic und mysteriöse Buchbestellungen bei Antiquariaten. 

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Die Themen dieser Ausgabe:

  • Drohnen retten Leben: BTU Cottbus-Senftenberg entwickelt automatisches Rettungssystem für Badeunfälle
  • KI-Wasserzeichen von Anthropic: Gute Idee – aber funktioniert das wirklich?
  • E-Auto-Förderung: Verbraucherzentralen fordern Kaufanreize nur für günstige Modelle
  • Bücher-Mysterium: KI-Konzerne kaufen massenhaft Antiquariatsbestände auf – und scannen sie als Trainingsdaten ein
  • Meta vor Gericht: Der wohl größte Social-Media-Prozess aller Zeiten – hat der Konzern Kinder gezielt süchtig gemacht?

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Historischer Gerichtsprozess: Ist Mark Zuckerberg der größte Drogendealer aller Zeiten?

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Meta steht in den USA mal wieder vor Gericht. Der Vorwurf wiegt schwer. Der Konzern soll Kinder und Jugendliche mit Instagram und Facebook gezielt süchtig gemacht haben. Und ehrlich gesagt spricht vieles dafür. Wer Endlos-Feeds, Like-Zähler und Benachrichtigungsfluten für Minderjährige designt und intern längst um die Folgen weiß, kann sich kaum hinter Unwissenheit verstecken. Der Prozess könnte Social Media grundlegend verändern – und das wäre eigentlich auch dringend nötig. Eine kommentierende Analyse.

Die Vorwürfe gegen Meta

  • Insgesamt 29 US-Bundesstaaten werfen Meta vor, Minderjährige durch seine Algorithmen und Funktionen auf Instagram und Facebook bewusst abhängig gemacht zu haben. Vier davon, Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey, wollen nun Ansprüche vor dem Bundesgericht in Oakland (Kalifornien) geltend machen. Dabei geht es vor allem um die sogenannte Nutzerbindung. Der Vorwurf: Meta soll Minderjährige mit Funktionen wie endlosem Scrollen, einer Flut an Benachrichtigungen und dem Zählen von „Gefällt mir“-Angaben gezielt möglichst lange auf seinen Plattformen gehalten haben.
  • Hintergrund des Prozesses und der Vorwürfe sind die sogenannten Facebook-Files. Die ehemalige Facebook-Angestellte Frances Haugen hatte Ende 2021 konzerninterne Unterlagen zu den Auswirkungen von Instagram und Facebook auf die seelische Gesundheit ihrer Nutzer publik gemacht. Demnach soll Meta bereits damals bewusst gewesen sein, dass seine Plattformen gesundheitsschädliche Folgen für Minderjährige haben können. Öffentlich hat das Unternehmen dies aber stets bestritten.
  • Vorbild für die historische Klage gegen Meta ist die Tabakindustrie. Unternehmen wie Philip Morris, R. J. Reynolds oder Brown & Williamson hatten jahrzehntelang geleugnet, dass Zigaretten und Rauchen krebserregend sind und süchtig machen. Mitte der 1990er-Jahre packte dann ein Insider aus und räumte ein, dass die Tabakkonzerne den süchtig machenden Nikotingehalt bewusst gesteuert und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt hatten. Über 40 US-Bundesstaaten verklagten daraufhin ab 1994 die Tabakindustrie. Um einem drohenden Ruin zu entgehen, willigten die vier größten Gesellschaften vier Jahre später ein und verpflichteten sich zu einer Zahlung von 206 Milliarden US-Dollar über 25 Jahre.

Ist Mark Zuckerberg der größte Drogendealer aller Zeiten?

Die Kläger wenden sich vor allem gegen die Art und Weise, wie Meta seine Plattformen Instagram und Facebook technisch konzipiert hat. Es geht also nicht um konkrete Inhalte, die auf den Plattformen kursieren, zumal das US-Recht den Plattformen hierbei bislang weitgehende Immunität gewährt.

Doch genau das macht den Fall eigentlich noch pikanter. Denn es stehen nicht einzelne Posts vor Gericht, sondern das gesamte digitale Produkt dahinter. Sprich: Die Sucht liegt nicht im Content, sondern vor allem im Design und den Funktionsweisen der Plattformen selbst.

Dass sogenannte soziale Medien für Kinder und Jugendliche eine Gefahr darstellen können, ist derweil längst durch schier unzählige Studien (1, 2, 3) belegt. Entscheidend ist aber vielmehr, ob Meta sich dessen bewusst war, seine Plattformen aber wissentlich der Gefahren dennoch suchterzeugend gestaltet hat. Oder: Ist Mark Zuckerberg womöglich der größte Drogendealer aller Zeiten?

Indes: Die horrenden Forderungen der Klägerseite, mal liest man von 200 Milliarden US-Dollar, mal von gar 1,4 Billionen US-Dollar, erscheinen mitunter etwas wahnwitzig. In den USA haben solche enormen Summen aber vor allem taktische Gründe, um eine geringere, aber dennoch happige Vergleichszahlung rauszuschlagen.

Doch selbst wenn nicht die ganz fette Rechnung kommt: Meta könnte zu Änderungen bestimmter Funktionen verpflichtet werden, um Minderjährige besser zu schützen. Für den Facebook-Konzern würden dadurch hintenrum Einnahmen wegbrechen, etwa aus dem Werbegeschäft.

Der Vergleich mit der Tabakindustrie offenbart derweil auffällige Parallelen. Eins zu eins vergleichbar sind die Prozesse aber natürlich nicht. Das hat einige Lobbyisten dennoch nicht davon abgeschreckt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, um Stimmung gegen den Prozess zu machen. Die Milliardenstrafen gegen die Tabakindustrie seien etwa nicht ausschließlich in der Gesundheitsvorsorge gelandet. Andere Zeit. Anderer Kontext. Der Vergleich hinkt gewaltig.

Was Anklage, Meta und ein Jurist sagen

  • Megan O’Neill, stellvertretende Generalstaatsanwältin von Kalifornien, in ihrem Eröffnungsplädoyer: „Metas Geschäftsmodell lässt sich auf vier einfache Punkte reduzieren: Nutzer an sich binden, sie so lange wie möglich halten, ihre Daten abschöpfen und dann die Wahrheit vor der Öffentlichkeit verbergen.“ Das Unternehmen habe zudem nicht nur Kinder gezielt süchtig gemacht, sondern ausgenutzt, „wie deren Gehirne funktionieren“.
  • Meta-Sprecherin Liza Crenshaw in einer Stellungnahme: „Die Generalstaatsanwälte legen keinerlei Beweise dafür vor, dass jemand in ihren Bundesstaaten irregeführt wurde, behaupten, harmlose Funktionen wie das Führen eines zusätzlichen Instagram-Kontos hätten ihren Einwohnern irgendwie geschadet, und versuchen, Meta für branchenweite Herausforderungen zu bestrafen. Anstatt sich an die Fakten oder das Gesetz zu halten, haben sich die Bundesstaaten stattdessen entschlossen, eine absurde Entschädigungszahlung einzufordern.“
  • US-Juraprofessor Eric Goldman gegenüber ZDFheute: „Es ist unmöglich, den Ausgang dieses Prozesses vorherzusagen.“ Eine häufig kolportierte Strafzahlung in Höhe von 1,4 Billionen US-Dollar hält er hingegen für unrealistisch, da die Summe zu nah am Börsenwert Metas liege. Das suggeriere, dass Meta genauso viel Schaden anrichte, wie es Wert schaffe: „Das ist eine zutiefst problematische Auffassung, weil sie den erheblichen Nutzen unterschätzt, den Meta für viele Nutzer schafft.“

Prozessausgang offen: Mögliche Szenerien

Am 18. August 2026 gestartet, soll der Mammutprozess gegen Meta Schätzungen zufolge rund sieben Wochen laufen. Der Ausgang: völlig offen. Für Meta steht dennoch einiges auf dem Spiel. Letztlich wird es aber vermutlich weniger um den großen Showdown Gut gegen Böse gehen, sondern vielmehr um die Frage, ob und an welcher Stelle das Unternehmen konkret versagt, ja gar manipuliert und rücksichtslos Risiken in Kauf genommen hat.

Zu einer oftmals kolportierten Strafe in Höhe von 1,4 Billionen US-Dollar wird es aber aller Voraussicht nach nicht kommen. Eine solche Summe würde den Prozess sogar zu einer Farce machen, da sie so dicht am Börsenwert des Unternehmens ist, dass sie politisch und juristisch kaum Stand halten würde.

Und dennoch: Vieles spricht dafür, dass Meta sich schuldig gemacht hat. Wahrscheinlich ist eine Vergleichszahlung im zweistelligen Milliardenbereich. Auch eine Anpassung bestimmter Funktionen liegt im Bereich des Möglichen. Ein Urteil könnte zudem einen Präzedenzfall für die Klagen der anderen 25 US-Bundesstaaten schaffen. Im Positiven wie im Negativen; je nach Ausgang eben.

Indes: Für Meta dürfte eine Vergleichszahlung fast schon das angestrebte Ziel sein. Gewissermaßen, um sich aus der Sache herauszukaufen. Sollte es so kommen, wäre es natürlich wichtig, dass das Geld dann bei Betroffenen und in der Gesundheitsvorsorge landet.

Sollte das Gericht derweil feststellen, dass bestimmte Mechanismen von Instagram und Facebook gezielt auf die Bindung und das Suchtverhalten junger Nutzer ausgelegt wurden, dürfte Meta diese Praxis kaum einfach fortsetzen können. Ein solcher Richterspruch würde nicht nur das Geschäftsmodell des Unternehmens gehörig ins Wanken bringen, sondern durch Anpassung von Funktionen Kinder und Jugendliche hoffentlich ein Stück weit besser schützen.

Nur mit dem Finger auf Meta zu zeigen, wäre aber zu einfach. Denn letztlich stehen auch stets Bildungseinrichtungen und Erziehungsberechtigte in der Pflicht, aufzuklären und Heranwachsenden eine bestmögliche Schutzumgebung vor den ohnehin schon ekelhaften Praktiken der Social-Media-Konzerne zu ermöglichen.

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Klicks statt Klima: Wie Medien und Algorithmen unsere Zukunft verzocken

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Soziale Medien sollten die Klimadebatte demokratisieren. Eine neue Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster zeigt: Das Gegenteil ist passiert. Klimaskeptiker gewinnen überproportional an Sichtbarkeit, während sich der Diskurs in getrennte Plattformwelten aufspaltet. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines Systems, das Empörung belohnt und Einordnung bestraft. Eine kommentierende Analyse.

Soziale Medien halten Demokratieversprechen nicht ein

  • Laut einer Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster haben soziale Medien die Klimakommunikation in den vergangenen 20 Jahren verändert. Das erhoffte Demokratisierungsversprechen wurde aber nur teilweise eingelöst. Dem Bericht zufolge beteiligen sich heutzutage zwar mehr Akteure am Klimadiskurs. Doch etablierte Stimmen würden weiterhin dominieren, während klimaskeptische Akteure überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. Ob Social Media das Wissen der Öffentlichkeit über Klimathemen fördert, sei derweil unklar. Wer digitale Medien nutzt, würde sein Wissen aber häufig überschätzen.
  • Für ihre Analyse werteten die Forscher internationale Forschungsliteratur zur Klimakommunikation in den sozialen Medien aus – von X über TikTok und YouTube bis hin zu regional dominanten Plattformen wie Weibo oder WeChat. Die komplette Publikation erschien im Magazin Nature Climate Change. Eines der zentralen Ergebnisse: eine zunehmende Trennlinie zwischen den Plattformen bei der Klimakommunikation. Der Grund: eine verschärfte Moderation, die Abwanderung von großen Plattformen, die Neuausrichtung von Twitter zu X, geänderte Fact-Checking-Regeln von Unternehmen wie Meta sowie der Aufstieg alternativer Plattformen.
  • Laut der österreichischen Kognitionspsychologin und Social-Media-Forscherin Hanna Metzler ist der Einfluss sozialer Medien auf unsere Wahrnehmung komplexer als viele denken. Extreme Meinungen seien etwa überpräsentiert und würden den Eindruck gesellschaftlicher Spaltung entstehen lassen, obwohl es abseits digitaler Plattformen oft mehr Übereinstimmung gibt. Zudem sind Nutzer laut Metzler weniger leicht manipulierbar als oftmals angenommen. Falschinformationen seien wiederum ein Symptom für tieferliegende soziale Probleme, die es zu lösen gilt. Filterblasen würden auch im realen Leben existieren. Social Media eröffne lediglich mehr Berührungspunkte mit anderen Positionen. Um Glaubwürdigkeit zu schaffen, brauche es derweil Vertrauen und Transparenz – vor allem von Institutionen, Medien und politischen Akteuren.

Wie (soziale) Medien die Klimadebatte lenken

Die Hoffnung war groß, als die sozialen Netzwerke vor fast 20 Jahren nach und nach das Licht der Welt erblickten. Sie versprachen mehr Austausch, mehr Demokratie und mehr Zugang zu Wissen – nicht nur rund um den Klimawandel. Niedrige Zugangshürden, ein direkterer Draht zur Wissenschaft und mehr Raum für die Zivilgesellschaft schienen zunächst gute Voraussetzungen für einen offeneren Austausch zu sein.

Mittlerweile scheint der soziale Aspekt sogenannter sozialer Medien aber zunehmend unter die Räder zu geraten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ausgerechnet bei einem so hochsensiblen Thema wie dem Klima scheint das Demokratieversprechen der digitalen Medien aber zu bröckeln.

Will heißen: Schwarz-Weiß-Denken ersetzt Zwischentöne; der Diskurs verroht. Dabei liegt das nicht einmal ausschließlich an der breiten Nutzerbasis. Denn Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit entsteht nun einmal leichter durch Empörung als durch eine nüchterne Einordnung wissenschaftlicher Zusammenhänge.

Oder: Wo Moderation von Inhalten nicht ausreichend gegeben ist oder bewusst zurückgefahren wird, bekommt der lauteste Beitrag schnell mehr Gewicht als der vernünftigste. Das ist besonders beim Klimawandel fatal. Doch eine komplexe, langfristige Krise passt denkbar schlecht in ein System, das auf kurze Reize und schnelle Reaktionen getrimmt ist.

Klar: Social Media ist ein Sammelbecken aus Hass, Hetze und Falschinformationen. Es wäre aber zu bequem, alle Nutzer über einen Kamm zu scheren, Kompetenzen zu unterschätzen oder allein auf die sozialen Medien zu zeigen. Auch der klassische Journalismus muss sich etwa fragen, warum er sich so oft dem gleichen Takt aus Klicks und Aufregung unterwirft. Oder: Wer ständig nur die nächste Stichflamme sucht, wird dem Klimawandel als Dauerkrise kaum gerecht.

Stimmen

  • Julia Metag vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und Co-Autorin des Beitrags in einem Statement: „Vermutlich werden Spaltungen künftig weniger innerhalb von Plattformen als zwischen ihnen auftreten. Nutzende bewegen sich dann in getrennten, homogeneren Plattformwelten, in denen ihnen abweichende Sichtweisen weniger begegnen. (…) Die Wirkung von sozialen Medien hängt von unterschiedlichen Logiken der Plattformen, Regulierungen, Mediensystemen und soziopolitischen Kontexten ab. Was auf X in den USA zu beobachten ist, sagt wenig darüber aus, was auf Weibo in China geschieht.“
  • Mitautor Mike S. Schäfer vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (UZH) ergänzte: „Über die Zeit zeigte sich jedoch, dass etablierte Akteure – darunter politische Akteure, staatliche Stellen und klassische Medien – die öffentliche Klimadebatte nach wie vor stark prägen und teilweise dominieren. Unter den nicht-etablierten Stimmen sind es zudem häufig die skeptischen, die überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. (…) Das schwächt den Journalismus in seiner Rolle als Wissensvermittler – auch beim Thema Klima. Besonders betroffen sind davon Mediensysteme mit schwachem öffentlichem Rundfunk und Regionen, in denen unabhängiger Klimajournalismus ohnehin fragil ist.“
  • Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, sieht auch die klassischen Medien in der Pflicht. Gegenüber Deutschlandfunk sagte er 2021: „Sie können am Beispiel der Klimaberichterstattung Probleme des politischen Journalismus, das Ausgebranntsein des politischen Journalismus, das Antivisionäre, das klickzahlgetriebene, das Stichflammenartige ganz wie unter einem Brennglas studieren. Also der Neuigkeitswert-Fetisch, die Orientierung am Hype, die Verherrlichung der Exklusivität, der Geschwindigkeitsrausch, das Interesse an banalen Machtkämpfen und die klammheimliche Verehrung, der klammheimliche Pakt mit Provokateuren ganz unterschiedlicher Couleur – all das können Sie sehen, all das trägt bei zu einer Atmosphäre der radikalen Gegenwartsfixierung, zu einer Atmosphäre des totalen Jetzt, so könnte man sagen. Und dieses geistige Klima steht vollkommen im Widerspruch zu dem Krisen- und Katastrophen-Typus des Klimawandels.“

Wie sieht die Zukunft der Klimakommunikation aus?

Vielleicht beginnt die Zukunft der Klimakommunikation außerhalb der sozialen Medien. Immer mehr Menschen kehren den Plattformen etwa den Rücken und haben keinen Bock mehr auf Social Media. Denn: Viele empfinden ständige Reize, Streit, Empörung und die nächste Push-Nachricht zunehmend als Belastung. Das ist in erster Linie für die Plattformen ein Problem. Für die Klimakommunikation muss es das aber keineswegs sein.

Social Media bleibt aber dennoch Fluch und Segen zugleich. Einerseits können soziale Netzwerke Klimawissen niedrigschwellig zugänglich machen, Wissenschaftler direkt mit der Öffentlichkeit verbinden und Stimmen zu Wort kommen lassen, die im klassischen Mediensystem kaum Gehör finden. Andererseits kann genau diese Offenheit zu einem Problem werden, wenn sich die Debatte immer stärker in getrennte Meinungskorridore aufteilt.

Würden soziale Netzwerke ihre gesellschaftliche Funktion ernst nehmen, müssten sie sich verändern. Algorithmen dürften nicht länger so funktionieren, dass ausgerechnet Empörung und Polarisierung mit Reichweite belohnt werden. Außerdem bräuchte es eine funktionierende Moderation, ohne dabei jede unbequeme oder unpopuläre Meinung aus dem Diskurs zu verbannen. Die Kunst könnte darin liegen, mehr Streit auszuhalten, ohne mehr Streit zu entfachen.

Denn auch das Aushalten anderer Meinungen gehört zum Diskurs. Auch der Journalismus müsste raus aus dem Reflex, jede Entwicklung zur nächsten großen Aufregung hochzuschreiben und vor allem Klicks hinterherzulaufen. Denn: Artikel und Medien nehmen in den sozialen Medien eine große Rolle ein.

Vor allem beim Klimawandel braucht es aber weniger digitales Feuer, sondern mehr Ausdauer. Es braucht mehr Erklärungen, Zusammenhänge und Einordnungen. Denn wenn am Ende alle immer nur lauter werden, aber niemand mehr zuhört, ist auch die beste Klimabotschaft oder -kritik für die Tonne.

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