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Alte Fälle, neue Urteile: RTL macht sein Strafgericht zum KI-Experiment

07. September 2026 um 11:00

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RTL KI Richterserien

RTL bringt erstmals Serienfolgen ins Programm, die mithilfe von KI extrem verändert wurden. Aus alten Episoden von „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ entstanden fünf neue Folgen mit veränderten Figuren, neuen Handlungsverläufen und anderen Urteilen. Um Innovation geht es bei dem Experiment aber eher nicht, sondern vielmehr darum, Kosten zu sparen.

Alte Fälle, neu verhandelt: Wie RTL sein Strafgericht per KI umbaut

  • RTL will in der Woche ab dem 7. September 2026 erstmals Folgen einer eigenen Serie ausstrahlen, die mittels künstlicher Intelligenz massiv verändert wurden. Der Sender kündigte fünf KI-Episoden der Serie „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ an. Mithilfe mehrerer KI-Modelle sind in alten Folgen demnach Charaktere ersetzt, Handlungsverläufe geändert und neue Urteile eingebaut worden, um gewissermaßen neue Episoden zu basteln. Laut RTL seien alle geänderten Folgen „redaktionell verantwortet und juristisch geprüft“ worden. KI-Szenen sollen offenbar entsprechend gekennzeichnet werden.
  • „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ ist seit 2022 auf RTL zu sehen. 2002 bis 2008 gab es die Serie schon einmal – damals unter dem Namen „Das Strafgericht“. Für die Produktion der KI-Episoden wurden dem Sender zufolge mittels Sprachsynthese, Bildbearbeitung und Lipsync-Anpassungen teilweise drastische Veränderungen an den ursprünglichen Folgen vorgenommen. In einem Fall wurde etwa ein Geständnis eingefügt. Aus einem Mutter-Sohn-Verhältnis wurde ein Geschwisterverhältnis. Oder: Eine ursprünglich freigesprochene Angeklagte ist auf einmal eine verurteilte Täterin. In einer anderen Episode dreht ein Geschlechtswechsel „die Perspektive auf die gesamte Geschichte“.
  • RTL will mit seinem Projekt die Möglichkeiten von KI fürs Fernsehen aufzeigen. Die neuen alten Folgen von „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ entstanden in Zusammenarbeit mit der TV-Produktionsfirma Constantin Entertainment. Dabei handle es sich um einen „Praxistest unter realen Produktions- und Programmbedingungen“. Der Sender will erproben, wie sich bestehende Inhalte mithilfe von KI umkrempeln lassen. Die Rechte seien mit allen Beteiligten abgeklärt worden. Das Ergebnis hält RTL für vielversprechend. Ziel sei es, bis 2030 rund 150 Millionen Euro an Wert mit KI zu generieren.

KI als Archivküche: Wenn alte TV-Suppe noch einmal aufkocht

So ganz neu ist das neue „Strafgericht“ nicht. RTL wärmt im Grunde genommen alte Suppe auf und lässt sie mit KI noch einmal aufkochen. Aus bestehenden Folgen etwas Neues zusammenzuschustern, könnte dabei durchaus etwas Kurioses oder Komisches haben – vor allem für Fans einer solchen Serie. Etwa, wenn aus Freisprüchen plötzlich Verurteilungen oder aus Beziehungen neue Verwandtschaftsverhältnisse werden.

Als Experiment ist das Ganze aber interessanter, als es vielleicht klingt. Denn KI könnte im Fernsehen künftig nicht nur dabei helfen, neue Inhalte zu produzieren, sondern bestehende Inhalte als kreatives Ausgangsmaterial zu ergänzen oder zu verändern; gewissermaßen als Archiv-Rohstofflager für neue Geschichten.

Oder: Um Figuren, deren Schauspieler vielleicht verstorben oder in Rente sind, aus dramaturgischen Gründen vielleicht noch einmal aufleben zu lassen. Urheberrecht natürlich vorausgesetzt!

Indes: Im konkreten Fall wird es nicht nur darum gehen, ob RTL es schafft, technisch aus Altem etwas Neues zu machen, sondern ob daraus auch tatsächlich etwas Sehenswertes entsteht. Oder: Beim „Strafgericht“ wird gewissermaßen nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter über die Zukunft des Fernsehens verhandelt. Die Beweisaufnahme läuft aber noch.

Stimmen aus Sendern, Produktion und Justiz

  • Inga Leschek, Chief Content Officer RTL Deutschland, in einem Statement: „Erstmals zeigen wir im täglichen Grid, was generative KI heute schon leisten kann und was sie für die Zukunft des Erzählens bedeutet. Mit ‘Das Strafgericht’ gehen wir bewusst einen ersten aufgeschlossenen Schritt und machen die Möglichkeiten von KI für unser Publikum direkt erlebbar. Zugleich sehen wir ganz klar: Gute Geschichten entstehen auch künftig durch Ideen, Erfahrung und redaktionelle Verantwortung. Technologie erweitert unsere kreativen Werkzeuge. Das Ziel ist damit künftig schneller und effizienter Inhalte umzusetzen und für Streaming und Broadcast zu veröffentlichen.“
  • Otto Steiner, Geschäftsführer von Constantin Entertainment: „Wir haben mit diesen fünf Folgen technisches und kreatives Neuland betreten, das es in dieser Form im deutschen Broadcast und Streaming noch nicht gab. Aus einer bestehenden Folge eine völlig neue Geschichte zu entwickeln mit neuen Figuren, neuen Wendungen, teilweise sogar einem kompletten Gender-Swap der Hauptfigur, ist ein Meilenstein für die Produktionsbranche. Gleichzeitig haben wir viel darüber gelernt, wie sich Qualität, kreative Idee und neue Technologie am besten miteinander verbinden lassen. Wir sind stolz, mit RTL Deutschland diesen Schritt als Erste gegangen zu sein.“
  • Rechtsanwalt Jörg Frederik Ferreau in einem Beitrag auf LinkedIn: „KI wird uns strafgerichtlich verurteilen – zumindest fiktional. (…) Die völlige Umgestaltung bereits bestehenden Bild- und Tonmaterials muss vertrags- und urheberrechtlich zulässig sein. RTL betont, hierzu mit allen Beteiligten die Rechtslage geklärt zu haben. (…) Das Beispiel ist auch ein spannender Testfall für die Transparenzpflicht für Deepfakes gemäß Artikel 50 KI-Verordnung: Ein Deepfake dürfte wohl vorliegen, doch zugleich dürfte die Einbettung in ein Medienprogramm dafür sprechen, dass lediglich die basalen Transparenzanforderungen nach Absatz 4 Satz 3 gelten. Es bleibt abzuwarten, wie RTL die KI-Bearbeitung kennzeichnen wird.“

Zuschauer als Schöffengericht der KI-TV-Zukunft

Wie die KI-Folgen von RTL ankommen werden, entscheiden am Ende die Zuschauer. Das Urteil steht also zunächst auf Bewährung. Denn zwischen einem technischen Kunststück und einem echten Mehrwert klafft ein großer Verhandlungssaal. Und den muss RTL erst einmal mit Zuschauern füllen.

Sollten sie das KI-Strafgericht akzeptieren, könnte das Experiment Schule machen. Auch andere Sender würden dann womöglich in ihren Archiven rumkramen, um längst eingemottete Filme oder Serien neu aufzukochen. Es geht nämlich vor allem darum, mit KI die eigenen Kosten zu drücken, anstatt neue Werte zu schaffen.

Das wäre vielleicht effizient, könnte aber auch mit Blick auf die Einschaltquoten in die Hose gehen. Denn aktuell fühlen sich ohnehin schon immer mehr Menschen vom KI-Einsatz in Filmen, Videos oder Serien einfach nur genervt.

Will heißen: Das Urteil der Zuschauer wird sich herumsprechen. Das Experiment könnte also so oder so zu einem kleinen Präzedenzfall werden.

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Google klappt KI-Übersicht jetzt automatisch aus – und es nervt gewaltig!

04. September 2026 um 11:00

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Google Übersicht mit KI klappt automatisch aus AI Overviews einklappen ausklappen Künstliche Intelligenz

Google testet eine neue Darstellung seiner KI-Suche – und die nervt gewaltig! Statt eingeklappter Kacheln laden KI-generierte Antworten jetzt direkt in voller Länge. Die klassischen blauen Links rutschen dafür noch weiter nach unten. Google macht sich damit vom Suchmaschinenriesen zum Türsteher des Internets und entscheidet zunehmend selbst, was Nutzer zu sehen bekommen. Eine kommentierende Analyse. 

Klappt automatisch aus: Googles KI-Übersicht jetzt noch aggressiver

  • Google hat mit „Übersicht mit KI“ bereits im März 2025 eine Funktion in seine Suche integriert, die Ergebnisse massiv verändert hat. Denn: Oberhalb der Suchergebnisse erscheinen seither KI-generierte Kurzzusammenfassungen zu bestimmten Inhalten. Mittlerweile können Nutzer sogar wie in einem Chat Nachfragen stellen. Problem: Die prominent platzierte Künstliche Intelligenz liegt oft falsch. Die KI-Übersicht in der Google-Suche ist die drastischste Veränderung seit 20 Jahren. Das Eingabefeld kann sich flexibel an lange Texte anpassen und auch Bilder, Videos oder geöffnete Browser-Tabs verarbeiten.
  • Die KI-Suche von Google hat sich binnen kürzester Zeit etabliert und fast schon zum Standard entwickelt. Einigen mag das gefallen; anderen nicht. Laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Similarweb erscheint bei über 40 Prozent aller Google-Suchanfragen in den USA der KI-Modus. Dabei lag der Anteil vor einem Jahr noch bei gerade einmal 15 Prozent. Das führt zu einer erheblichen Veränderung, wie Nutzer Informationen konsumieren, da die klassische Link-Liste immer mehr verschwindet. Der Auswertung zufolge nimmt die Akzeptanz der KI-Übersicht mitunter bei älteren Nutzern zu.
  • Bislang wurden Antworten im KI-Modus von Google in einer abgespeckten Kachel angezeigt, die man über einen Button ausklappen kann, falls man Inhalte lesen will. Das ändert sich nun – zumindest test- und teilweise. Google hat bestätigt, eine neue Darstellungsform der Übersicht mit KI zu erproben. Bei bestimmten Suchanfragen lädt die generierte KI-Antwort demnach direkt in kompletter Länge. Will heißen: Eine Option, die Kachel manuell auszuklappen, entfällt. Das Eingabefeld für Nachfragen wird gleichzeitig standardmäßig aktiviert. Der Aufbau der Suchergebnisseite verändert sich dadurch noch drastischer.

Neue KI-Anzeige fühlt sich einfach falsch an

Die neue KI-Darstellung von Google ist nicht nur eine kleine Designänderung. Sie verschiebt das bisherige Grundprinzip der Google-Suche immer weiter. Wer wie bisher etwa mehrere Quellen vergleichen will, bekommt stattdessen immer häufiger eine fertig formulierte Antwort serviert.

Offiziell handelt es sich zunächst zwar nur um einen Test. Doch: Das, wovon andere Nutzer bereits berichtet haben, ist auch mir passiert. Und ganz ehrlich: Ich persönlich empfand die ausgeklappte Übersicht mit KI absolut nervig! Irgendwie hat sich die Darstellung sogar falsch und komisch angefühlt. Meine Reaktion: Ich habe fast schon reflexartig das Browserfenster refreshed.

Danach verschwand die Anzeige. Im Nachhinein hätte ich mir das Ganze dann doch genauer angeschaut. Aber die Visualisierung wirkte fast schon wie ein nerviger Fehler, den man einfach wegklicken will. Ich wollte recherchieren und nicht die Interpretation der Google-KI lesen – sondern selbst entscheiden, welcher Quelle ich vertraue.

Für Medien und Publisher ist das alles weitaus mehr als eine Geschmacksfrage. Zwar nennt der KI-Modus weiterhin Quellen, doch eine ausformulierte Antwort macht den Klick auf diese Quellen schlicht weniger notwendig. Zudem rücken die gewohnten organischen Treffer, die klassischen blauen Links, weiter nach unten. Google-Nutzer müssen also erst einmal scrollen, um überhaupt wieder bei den eigentlichen Websites anzukommen.

Stimmen

  • Chris Long, SEO- und Marketingexperte aus den USA, ist als einer der ersten auf die neue Google-Anzeige aufmerksam geworden. In einem Beitrag auf X (ehemals Twitter) schreibt er: „Holy Moly, liebe SEOs: Google zeigt nun bei einigen Suchanfragen standardmäßig das Eingabefeld für den KI-Modus an. Auf diese Weise treibt Google den KI-Modus weiterhin als Standard-Sucherlebnis voran.“
  • Ein Google-Sprecher teilte Seroundtable in einem Statement mit: „Bei einigen Suchanfragen können sich die KI-Übersichten dynamisch erweitern, und zwar zu Themen, bei denen unsere Systeme feststellen, dass dies für die Nutzer am nützlichsten ist. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Nutzer dank dieser dynamischen Erfahrung die Suche als hilfreicher empfinden und sich intensiver mit der weiteren Recherche beschäftigen.“
  • Barry Schwartz, SEO-Experte und -Journalist, in einem Beitrag auf X (ehemals Twitter): „Google entfernt die Schaltfläche „Mehr anzeigen“ aus den KI-Übersichten, sodass diese standardmäßig eher dem KI-Modus ähneln – das ist für Publisher nicht gerade vorteilhaft.“ Robby Stein von Google kommentierte den Beitrag: „KI-Übersichten werden nur bei Themen dynamisch erweitert, bei denen unsere Systeme dies als besonders nützlich erachten. Wenn du bereits mit dem Scrollen begonnen hast, wird die Erweiterung angehalten, damit du deine Position beibehältst. Wir testen und optimieren diese Funktionen ständig und werden sie daher auf Grundlage des Nutzer-Feedbacks weiter verfeinern.“

Was Googles KI-Kurs für Medien und Nutzer bedeutet

Es wird zweifellos Nutzer geben, die Googles neuen KI-Auftritt mögen – und das nicht einmal zu Unrecht. Denn eine kompakte Antwort kann bei einfachen Fragen durchaus praktisch sein, was viele zumindest als hilfreich empfinden werden. Andere, wie auch ich, werden sich aber vermutlich genervt oder gar bevormundet fühlen.

Denn: Wer selbst recherchieren möchte, erhält eben nicht mehr die gewünschten klassischen Suchergebnisse, sondern eine Vorauswahl dessen, was die KI für relevant hält. Problematisch wird zudem sein, dass eine prominentere Darstellung von KI-Inhalten auch automatisch falsche, irreführende oder erfundene Informationen prominenter anzeigen wird.

Denn: KI halluziniert regelmäßig. Google macht seinen KI-Modus derweil nicht nur zu einem Türsteher des Internets, sondern zunehmend auch zu einem Redakteur. Und genau deshalb dürften viele Medien irgendwann auf die Barrikaden gehen. Wenn Google nämlich journalistische Inhalte nutzt, um seine eigene KI zu füttern und zu mehr oder minder guten Antworten zu verwursten, während gleichzeitig wertvolle Klicks auf die ursprünglichen Urheber ausbleiben, braucht es neue Spielregeln.

Lizenzvereinbarungen und Vergütungsmodelle, wie sie für andere Google-Dienste bereits existieren, wirken dann weniger wie ein Nice-to-have als wie eine überfällige Konsequenz.

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TUM-Studie zu E-Autos liefert Stoff für neue Emissions-Lügen

03. September 2026 um 09:18

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TUM Studie Elektroautos E-Auto Co2-Emissionen Lebenszyklus Lüge

Eine Studie der TU München (TUM) hat für Aufruhr gesorgt, noch bevor sie veröffentlicht wurde. Mittlerweile ist sie online. Der Untersuchung zufolge verursachen Elektroautos über ihren gesamten Lebenszyklus und inklusive Produktion deutlich mehr CO2-Emissionen, als andere Studien ergeben haben. Das Problem: Die TUM-Studie basiert teilweise auf mehreren Jahren alten Daten. Einige Medien und Politiker waren sich dennoch nicht zu schade, prompt eine Rückkehr zum Verbrenner zu fordern und der EU eine Klimalüge zu unterstellen – allen voran die Bild-Zeitung. Eine kommentierende Analyse.

Studien im Vergleich: Wie viele weniger Emissionen verursachen Elektroautos?

  • La‌ut einer Studie der Technischen Universität München verursachen Elektroautos über ihren gesamten Lebenszyklus inklusive Produktion 43 Prozent weniger CO2-Emissionen als Verbrenner. Die Autoren kritisieren aber, dass E-Autos für die EU weiterhin als 100 Prozent klimaneutral gelten, weil lediglich der Betrieb berücksichtigt werde. Emissionen, die bei der Herstellung und beim Recycling anfallen, sowie die Stromquelle zum Laden fänden keine Berücksichtigung. Die Forscher befürchten deshalb, dass die Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen im Pkw-Sektor bis 2030 um 55 Prozent verfehlt werden. Die drei Verfasser des Whitepapers sind ein Materialforscher, ein Experte für Kreislaufwirtschaft und ein Professor für Internationale Beziehungen.
  • Bei der TUM-Studie handelt es sich um eine sogenannte Metastudie. Das heißt, dass bereits veröffentlichte Studien sowie weitere Ergebnisse gemeinsam analysiert wurden. In Zahlen haben die Autoren 19 Studien sowie 47 modellierte Szenarien für ihre Untersuchung herangezogen. Einige dieser Studien stammen aus den Jahren 2019 und 2020. Andere sind etwas aktueller. Die TUM-Forscher haben für ihre Analyse sowohl die Produktion, den Betrieb, das Recycling als auch die Herkunft des Ladestroms unter die Lupe genommen, um die Emissionen von E-Autos über ihren gesamten Lebenszyklus zu ermitteln.
  • Auch eine Studie der unabhängigen Forschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) hat die CO2-Emissionen von Elektroautos über ihren gesamten Lebenszyklus untersucht; kommt aber zu einem anderen Schluss. Demnach verursachen Stromer sogar 73 Prozent weniger CO2-Emissionen als Benziner. Diesel-Fahrzeuge wurden zwar nicht berücksichtigt, verursachen trotz eines etwas geringeren Kraftstoffverbrauchs aber mitunter genauso viele Emissionen wie Benziner, da Diesel einen höheren Kohlenstoffgehalt hat. Die Studie stammt aus dem Juli 2025. Will heißen: Die TUM-Untersuchung ist mit Blick auf das Veröffentlichungsdatum zwar aktueller, aber nicht unbedingt mit Blick auf die Datengrundlage. Diesbezüglich sind beide Studien auf Augenhöhe, wenn die ICCT-Analyse nicht sogar einen Ticken aktueller ist.

Warum die TUM-Studie zu E-Autos ein verzerrtes Bild zeichnet

Ja: Elektroautos sind nicht komplett klimaneutral – zumindest nicht von Beginn an. Denn bei der Produktion von Materialien und der Fahrzeuge selbst fallen CO2-Emissionen an. Ab einem gewissen Zeitpunkt macht der Betrieb diese Emissionen aber wieder wett. Je nach Modell, Hersteller und Stromquelle bereits nach zwei bis drei Jahren.

Doch auch während des Betriebs kann ein E-Auto einen Auspuff haben. Der steht dann aber woanders; etwa beim nächsten Kohle- oder Gaskraftwerk. Bei einem Anteil von 58 Prozent der erneuerbaren Energien am deutschen Strommix bläst aber auch dieser Auspuff immer weniger Emissionen aus – zumal viele E-Autofahrer ihre Fahrzeuge mit Ökostrom oder sogar über die eigene Solaranlage laden.

All diese Erkenntnisse sind nicht neu und schon lange bekannt. Indes: Das große Problem an der TUM-Studie ist der Durchschnitt aus 19 Studien und 47 Szenarien, der Untersuchungen mit Produktionsbedingungen und Strommixen von gestern, vorgestern und vorvorgestern gleichberechtigt mit einbezieht. Oder: Vor allem die älteren Studien drücken den Wert fast schon künstlich nach unten. Trotzdem würden Elektroautos 41 Prozent weniger CO2-Emissionen verursachen als Verbrenner.

Selbst das wäre nicht ohne. Aber die TUM-Studie hinkt gewaltig! Denn allein die drei Verfasser des Whitepapers mögen in ihren Bereichen zwar äußerst fachkundig sein. Sie sind in der E-Auto-Domäne aber doch eher unerfahren. Außerdem wurde die Untersuchung bislang nicht dem sogenannten Peer-Review-Verfahren unterzogen. Will heißen: Andere Wissenschaftler haben sie weder eingeordnet noch detailliert beurteilen können. Das muss stets erwähnt werden – vor allem medial.

Medien wie die Bild (€) schlussfolgerten stattdessen, dass es quasi keine plausible Begründung mehr für ein Verbrenner-Aus gäbe. Andere Medien zogen mit, unterstellen der EU Lügen oder sehen die Klimaschutzpolitik, wie der Focus, durch die TUM-Studie als zerlegt an. Sie alle lügen damit selbst!

Klar: E-Autos sollten mit Blick auf Klimaneutralität und Emissionen an ihrem gesamten Lebenszyklus gemessen werden. Aber: Es gibt einen guten Grund dafür, warum die EU Stromer „nur“ am Auspuff misst; was sie übrigens auch klar herausstellt. Denn: Stahlproduktion, Kraftwerke und Aluminiumhütten sind bereits durch den Emissionshandel der EU bepreist und auch Importe werden erfasst.

Oder: Wer diese Emissionen jetzt auch noch auf E-Autos anrechnen will, der zählt sie doppelt. Will heißen: Die CO2-Emissionen für die Produktion von E-Autos fließen ohnehin mit ein, nur eben an anderer Stelle. All das kann man in Erfahrung bringen. Medien wie die Bild zeigen aber wieder einmal mit Bravour, dass Skandalisierungen und möglichst schnelle Veröffentlichungen vor Recherche und Aufklärung gehen. Und das alles für Klicks. Das ist kein seriöser Journalismus! Auch nicht sonderlich vorteilhaft: BMW ist einer der größten Geldgeber der TUM. Ist die Studie also vielleicht sogar Teil des verzweifelten Kampfes der Verbrenner-Lobby?

Stimmen

  • Johannes Fottner, einer von drei federführenden Professoren der Untersuchung von der TU München, in einem Statement: „Die größte ökonomische wie ökologische Fehlsteuerung besteht darin, dass die Regulatorik der EU-Kommission ausschließlich auf den CO2-Emissionen über Abgase beruht. In dieser Logik gelten rein batterieelektrisch betriebene Fahrzeuge als klimaneutral. Die vielfältigen Anstrengungen der Industrie über etwa Grünstahl oder Kreislaufwirtschaft Klimaziele zu erreichen, werden damit nicht honoriert.“ TUM-Präsident Professor Thomas F. Hofmann ergänzte: „Wir sehen derzeit eine substanzielle Fehlsteuerung der Klimastrategie der Europäischen Union. Wenn sie ihre eigenen Ziele ernst nimmt, darf sie sich nicht länger nur auf die Auspuffmessung verlassen.“
  • Georg Bieker, Senior Researcher beim ICCT, sieht ebenfalls eine ökologische Fehlsteuerung. Im Gegensatz zur TUM (41 Prozent) bescheinigt die ICCT-Studie E-Autos aber 73 Prozent weniger Emissionen als Verbrennern. Bieker in einem Statement: „In letzter Zeit haben Führungskräfte der Automobilbranche die Klimabilanz insbesondere im Vergleich von Elektroautos und Hybriden wiederholt falsch dargestellt. Doch eine Lebenszyklusanalyse ist kein Wunschkonzert: sie muss eine repräsentative Nutzung über das gesamte Fahrzeugleben abbilden und auf echten Praxisdaten basieren. Verbraucherinnen und Verbraucher haben Anspruch auf verlässliche, wissenschaftlich fundierte Informationen.“
  • Die Bild-Zeitung, die das Whitepaper zur TUM-Studie vorab exklusiv sichten konnte, hat daraus „die Auto-Lüge der EU“ gestrickt. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) meldete sich zu Wort. Angesprochen zur TUM-Studie behauptete er gegenüber der BILD: „Einmal mehr wird klar: Es braucht dringend das echte Aus vom Verbrenner-Aus der EU. Das belegt jetzt auch die Wissenschaft.“ Fahrzeugtechnikexperte Markus Lienkamp ist ebenfalls an der TU München tätig, war aber nicht an der Studie beteiligt. Wie Heise unter Berufung auf ein Statement des Science Media Centers (SMC) berichtet, hat sich Lienkamp wie folgt geäußert: „Wie man daraus als Presse oder Politiker ein erforderliches ‚Ende des Verbrennerverbots‘ interpretieren kann, ist mir schleierhaft.“ Der Fahrzeugtechnikexperte sagte zudem zum Spiegel: „Das Elektroauto ist die einzige langfristige Lösung zur Reduzierung der CO2-Emissionen.“ Das würde im Kern sogar die Studie besagen. Die Zusammenfassung enthalte aber merkwürdige andere Schlüsse.

Weniger CO2-Emissionen mit E-Autos: Der Trend ist eindeutig

Um die komplette Absurdität rund um die Debatte der TUM-Studie zu verstehen, muss man sich eins mal auf der Zunge zergehen lassen: Dass E-Autos angeblich nur 41 Prozent weniger Emissionen verursachen würden als Verbrenner, soll ein Grund dafür sein, weiter Autos zu fahren, die die Emissionen gar nicht senken; nein, über einen längeren Betrieb sogar erhöhen.

Schon lange habe ich nicht mehr so viel Schwachsinn gelesen. Obwohl: Eigentlich stimmt das gar nicht. Denn allen voran die Zeitung mit den vier großen Buchstaben geht regelmäßig so vor wie beschrieben. Indes: Das Einsparpotenzial von Elektroautos bei den Emissionen wird mit jedem Prozent am Anteil der Erneuerbaren im Strommix steigen. Das gilt auch für jede Tonne grünen Stahl oder jede recycelte Batterie.

Bei Verbrennern sieht das komplett anders aus. Sie verfeuern über ihren gesamten Lebenszyklus gleich viel fossilen Kraftstoff. Benzin und Diesel müssen zudem durch die halbe Welt gekarrt werden, damit Verbrenner CO2 in die Luft blasen können. Von der Raffination und Produktion von Diesel und Benzin ganz zu schweigen.

Die TUM-Studie sieht das, was die Bild nicht checkt, eigentlich sogar genauso; mangelnde Interpretation der Autoren hin oder her. Denn 2030 sollen laut Prognose noch 78 Prozent der europäischen Flotte Verbrenner sein, was die Klimaziele der EU unerreichbar mache. Das ist doch kein Argument für ein Aus des Verbrenner-Aus. Im Gegenteil: Es ist der Beweis dafür, dass die Elektromobilität noch zu langsam anläuft – auch wenn der aktuelle Trend positiv ist.

Oder: Müsste man das Verbrenner-Aus nicht sogar vorziehen? Die größten Stellschrauben kann aber die Politik drehen. Denn neben der Autoproduktion entscheidet vor allem der Strommix darüber, wie viele Emissionen Elektroautos einsparen. Will heißen: Je mehr Erneuerbare, desto weniger CO2 – und zwar doppelt.

Vor allem in konservativen Kreisen innerhalb Deutschlands und der EU versuchen Politiker aber immer wieder, den Hochlauf von Wind- und Solarenergie auszubremsen. Als hätten verbranntes Öl oder Gas noch einen Wert, nachdem sie die Luft verpestet haben.

All das geschieht obendrein in Zeiten, in denen der Klimawandel im Alltag immer wahrhaftiger wird. Hinzu kommen Kriegstreiber und globale Abhängigkeiten, die Verbrenner noch ineffizienter machen, als sie ohnehin schon sind. Wer wie die Bild oder in Teilen auch die TUM-Studie anders argumentiert, will betrügen. Die Untersuchung ist zwar nicht von Grund auf falsch, aber sie zeichnet eben ein verfälschtes Bild. Oder: Die vermeintliche Auto-Lüge der EU ist selbst eine Lüge!

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EU knöpft sich ChatGPT vor: Was sich für Nutzer jetzt ändert

02. September 2026 um 11:00

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EU Europa ChatGPT DSA OpenAI sehr große Online-Suchmaschine

Die EU-Kommission hat ChatGPT offiziell als „sehr große Online-Suchmaschine“ eingestuft. Das ist ein Novum für ein KI-Modell. Zusammen mit Reddit und Roblox fällt der Chatbot von OpenAI damit unter die strengen Regeln des Digital Services Act (DSA). Für OpenAI bedeutet das: mehr Kontrolle, mehr Transparenz und bei Verstößen Strafen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Aber reicht all das, um Nutzer besser zu schützen? Eine kommentierende Analyse.

Warum die EU ChatGPT jetzt als Suchmaschine einstuft

  • Auf Online-Plattformen kann man sich austauschen, mit anderen vernetzen, Informationen suchen oder sich einfach inspirieren lassen. Auch KI-Modelle können in bestimmten Situationen praktisch oder hilfreich sein. Doch sowohl Online-Plattformen als auch Chatbots werden immer wieder missbraucht, etwa für kriminelle Machenschaften oder um Desinformation zu streuen. Die Europäische Kommission will dem Einhalt gebieten. Laut einer offiziellen Mitteilung stehen ChatGPT, das Online-Forum Reddit und die Spieleplattform Roblox deshalb ab sofort unter strengerer Beobachtung. Der Grund: Alle drei Dienste haben die Marke von 45 Millionen Nutzern pro Monat in der EU geknackt. Damit fallen sie unter den Digital Services Act (DSA).
  • ChatGPT wird laut EU ab sofort als „sehr große Online-Suchmaschine“ eingestuft, so wie beispielsweise auch Google. Die Kommission begründet die Einstufung damit, dass der Chatbot auf das Internet zugreift, um Antworten auszuspucken. Per Definition sei ChatGPT damit eine hybride Suchmaschine. Laut Kommission nutzen derzeit rund 159 Millionen Menschen innerhalb der EU den Chatbot. Anders als bei ChatGPT werden Inhalte auf Reddit und Roblox von Nutzern selbst erstellt. Beide wurden nun als „sehr große Online-Plattformen“ eingestuft und müssen damit vor allem illegale Inhalte bekämpfen, Nutzer besser schützen und regelmäßig einen Risikobericht veröffentlichen.
  • Die EU wird künftig vor allem ChatGPT unter die Lupe nehmen. Dabei geht es nicht um einzelne Antworten, sondern den Chatbot als großes Ganzes. Die Kommission will etwa prüfen, ob OpenAI bestimmte Risiken im Griff hat. Darunter unter anderem: Anleitungen für Straftaten, die Gefährdung Minderjähriger, Wahlmanipulation, Desinformationskampagnen und Diskriminierung. Das Unternehmen muss zudem einen Ansprechpartner für Behörden und Nutzer nennen, sich einmal pro Jahr einer unabhängigen Prüfung unterziehen und eine Schnittstelle einrichten, damit Nutzer illegale Inhalte melden können. Werbung in ChatGPT muss zudem klar als solche gekennzeichnet sein.

Wird ChatGPT zum Präzedenzfall für KI-Regulierung?

Was ChatGPT angeht, könnte die EU-Entscheidung zu einem waschechten Präzedenzfall werden. Denn erstmals unterliegt ein KI-Modell den strengen Vorgaben des DSA – und damit einer Regulierung, die ursprünglich vor allem für klassische Online-Plattformen gedacht war.

Will heißen: Sollten andere Chatbots wie Gemini und Claude irgendwann ebenfalls die Marke von 45 Millionen Nutzern pro Monat knacken, werden sie vermutlich so eingestuft wie ChatGPT. Und das wäre auch gut so! Denn anders als klassische Suchmaschinen zeigen KI-Modelle wie ChatGPT nicht bloß eine Liste von Links an, sondern liefern fertig formulierte Antworten.

Sie können überzeugend und plausibel klingen und kommen mitunter sogar ohne großen Umweg über nur eine einzige Quelle daher. Das Problem: KI kann sich irren, Informationen erfinden oder total selbstbewusst Schwachsinn produzieren. Und genau das macht die Kontrolle und Einordnung von KI-Antworten so kompliziert.

Die EU sieht deshalb vor allem OpenAI in der Verantwortung, Nutzer besser zu schützen. Zu Recht! Sanktionen erfolgen bei Zuwiderhandlung aber nicht automatisch und sofort. Erst wenn OpenAI trotz Prüfung und Ermahnung nichts ändern sollte, könnte es teuer werden. Dann kann die EU theoretisch bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängen.

Für OpenAI wären das mehrere hundert Millionen bis zu einer Milliarde. Da Europa und allen voran Deutschland ein großer Markt für das Unternehmen sind, erklärt das auch ein Stück weit die Kooperationsbereitschaft von OpenAI, aber auch Reddit und Roblox.

Stimmen

  • Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie der EU, in einem Statement: „Mit diesen neuen Benennungen unterliegen ChatGPT, Reddit und Roblox in der Europäischen Union künftig einer strengeren Kontrolle und Rechenschaftspflicht. Damit wird dem großen Einfluss ihrer Dienste auf unsere Bürgerinnen und Bürger sowie auf unsere Gesellschaft Rechnung getragen. Wir werden die digitale Landschaft weiterhin aufmerksam beobachten und wir werden bei keiner Plattform zögern, sie entsprechend zu benennen, wenn sie den Schwellenwert für eine verstärkte Beaufsichtigung nach dem Gesetz über digitale Dienste erreicht.“
  • David Baszucki, Chef der Roblox Corporation, scheint die strengere Beobachtung seiner Spieleplattform gelassen zu nehmen. In einem Beitrag auf X (ehemals Twitter) schreibt er zur Ankündigung von Henna Virkkunen: „Wir sind stolz auf unser Wachstum in der EU. Roblox ist die erste Gaming-Plattform, die als ‚sehr große Online-Plattform‘ eingestuft wurde. Dies verdanken wir unserer Creator-Community in allen 27 Mitgliedstaaten sowie unseren Teams, die für sichere, fesselnde und altersgerechte Online-Erlebnisse sorgen. Unterstützt wird dies durch unsere branchenführenden Anforderungen an die Altersüberprüfung für Chats und Inhalte.“
  • Von OpenAI und Reddit liegen bislang keine offiziellen Statements vor. Alle drei Unternehmen haben dem Vernehmen nach zumindest aber ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den EU-Behörden signalisiert. Auf der DSA-Seite von OpenAI heißt es etwa: „OpenAI bekennt sich zu Sicherheit, Transparenz, Rechenschaftspflicht und dem Schutz der Grundrechte, einschließlich der Meinungsfreiheit und des Zugangs zu Informationen.“ Reddit schreibt auf seiner DSA-Seite: „Reddit kann den Zugriff auf Inhalte einschränken, bei denen festgestellt wurde, dass sie gegen die Gesetze des in Ihrer Meldung angegebenen EU-Landes verstoßen. Meldungen von vertrauenswürdigen Meldern werden gemäß der DSA bei der Überprüfung vorrangig behandelt.“

Was sich ab Januar 2027 für Nutzer ändert

ChatGPT, Reddit und Roblox müssen die neu auferlegten EU-Pflichten innerhalb von vier Monaten, also ab Januar 2027, erfüllen und jeweils erste Risikobewertungen veröffentlichen. Für Nutzer wird sich zunächst aber weniger ändern. Klar: Es wird möglich sein, Inhalte zu melden, was auch gut so ist.

Doch die größten Veränderungen finden eher im Hintergrund statt. Vor allem ChatGPT wird mehr Eigen- und Fremdkontrolle aufgebrummt; etwa bei Alterskontrollen oder dem Umgang mit illegalen Inhalten. Auch das ist gut so! Im Gegensatz zu so manch anderen Tech-Konzernen wie Meta scheint OpenAI diesbezüglich weitaus kooperativer und weniger auf Krawall gebürstet zu sein.

Das Unternehmen hat mit ChatGPT for Teens etwa im Vorfeld ein Stück weit reagiert, da sich die EU-Entscheidung angebahnt hatte. All das zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Oder: Je stärker KI oder Plattformen wie Reddit und Roblox in den Alltag eindringen, desto weniger können sich die Anbieter darauf berufen, lediglich ein digitales Werkzeug bereitzustellen.

Stattdessen werden sie zu Recht in die Verantwortung für das genommen, was in ihren Netzwerken oder Diensten passiert. Klar: Zunächst einmal ist vieles davon noch Theorie, die sich erst einmal in der Praxis beweisen muss. Gleiches gilt für alle drei Unternehmen.

Die Stoßrichtung ist aber die richtige. Zumal der technische und finanzielle Aufwand für die drei Milliarden-Konzerne relativ überschaubar sein sollte. Vielmehr bergen die neuen EU-Richtlinien sogar die Chance für alle, ChatGPT, Reddit und Roblox zu verbessern.

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KI außer Kontrolle? Das große Medienversagen hinter dem Hacker-Hype

01. September 2026 um 11:00

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KI Hacker Kontrolle Künstliche Intelligenz Hype Medien

Innerhalb weniger Wochen haben OpenAI, Anthropic, Meta und Moonshot AI Sicherheitsvorfälle mit KI-Agenten eingeräumt. Die Schlagzeilen überschlugen sich. Doch wer genauer hinschaut, erkennt, dass hinter den Meldungen und vielen Artikeln oft mehr PR-Kalkül und klickgetriebener Alarmismus stecken als eine echte Gefahr. Eine kommentierende Analyse.

Gerät KI außer Kontrolle?

  • Binnen kürzester Zeit haben mehrere namhafte KI-Anbieter schwerwiegende Sicherheitsvorfälle eingeräumt. Anthropic machte den Anfang. Es folgten: OpenAI, Meta und das chinesische Unternehmen Moonshot AI. In allen Fällen soll eine KI aus einer Testumgebung ausgebrochen sein, sich mehr oder weniger verselbstständigt und im freien Internet eigenständig Aktionen ausgeführt haben. Ein KI-Agent von OpenAI hat sogar die Plattform Hugging Face gehackt, um ihren ursprünglichen Auftrag ausführen zu können.
  • Das britische Loss of Control Observatory überwacht Fälle, bei denen sich KI-Agenten verselbstständigen und der menschlichen Kontrolle entziehen. In einem aktuellen Bericht schlagen die Forscher Alarm. Demnach haben die gemeldeten KI-Sicherheitsvorfälle einen neuen Höchststand erreicht. Die Vermutung: Der Schweregrad von Täuschung und Fehlausrichtung habe sich verschärft. Das Centre for Long-Term Resilience, das das Loss of Control Observatory leitet, fordert die britische Regierung deshalb dazu auf, entsprechende Sicherheitsmaßnahmen einzuleiten.
  • Nicht alle Forscher teilen die Alarmstimmung. Zwar betont auch der International AI Safety Report 2026, dass es Sicherheitsinstitute und Schutzmaßnahmen bedarf, um KI-Risiken in Schach zu halten. Über 100 KI-Experten, die an dem Bericht beteiligt waren, kommen aber zu dem Schluss, dass aktuelle KI-Modelle längst noch nicht die Fähigkeiten hätten, um einen echten Kontrollverlust auszulösen. Einige Experten halten dies sogar für gänzlich unplausibel. Den Forschern zufolge basieren viele Sicherheitsvorfälle nicht auf einem vermeintlich eigenen Willen einer KI, sondern sind Ursache fehlerhafter Zielvorgaben, schlecht abgesicherter Agenten oder menschlicher Designfehler.

Warum die KI-Ausbrüche vor allem PR-Kalkül sind

Dass mehrere große KI-Anbieter unmittelbar nacheinander von ausgebüxten Agenten berichten, ist alles andere als Zufall. Denn OpenAI, Anthropic und Co. nehmen ihre Eingeständnisse der Sicherheitsvorfälle wohlwollend in Kauf, um hintenrum zu demonstrieren, zu was ihre KI-Modelle in der Lage sind. Oder kurzum: wie „gut“ sie sind.

Im KI-Wettstreit um autonome Agenten geht es nämlich auch darum, sich gegenseitig zu überbieten und schnellstmöglich auf die Berichte der Konkurrenz zu reagieren – so übertrieben, irreführend oder alarmistisch manch einer auch daherkommen mag.

Problematisch wird es aber vor allem dann, wenn aus jedem Sicherheitsvorfall gleich der nächste Beweis für eine bevorstehende KI-Apokalypse gestrickt wird. Viele Medien haben etwa in KI-Agenten als Hacker ein gefundenes Fressen ausgemacht, um möglichst viele Klicks zu generieren.

Sprich: Die Berichte der KI-Anbieter werden gerne aufgenommen und unkritisch zu entsprechenden Schlagzeilen verwurstet. Mal bricht eine KI etwa aus, mal übernimmt sie über irgendwas die Kontrolle und manchmal hackt sie gleich das ganze Internet.

All das klingt spektakulär, erklärt aber noch lange nicht, was tatsächlich passiert ist. Oder: Statt Aufklärung finden viel Skandalisierung, Alarmismus und Panikmache statt. Doch zwischen einem schlecht abgesicherten Agenten, der eine fehlerhafte Zielvorgabe verfolgt, und einer KI mit eigenem Willen liegen Welten.

Klar: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft müssen sich vor dem Sicherheitsrisiko KI wappnen. Doch die aktuelle Debatte fußt größtenteils auf Dramaturgie, Science Fiction und Unternehmens-PR. Denn eine sogenannte AGI, die den Menschen übertrifft, gibt es (noch) nicht.

Oder: Wenn eine KI ausbricht, liegt das aktuell vor allem an menschlichem Versagen, das vielleicht hier und da sogar bewusst in Kauf genommen wurde, um Schlagzeilen zu produzieren. Etwa, wenn Testumgebungen nicht hinreichend abgesichert, Daten falsch antrainiert oder Vorgaben schlecht formuliert wurden. Ach ja: Bei allen großen Sicherheitsvorfällen ist übrigens in der Praxis kein nennenswerter Schaden entstanden.

Stimmen

  • Tommy Shaffer Shane, Autor der Forschungsarbeit und Senior Policy Manager am Centre for Long-Term Resilience, in einem Statement: „Die neuesten Daten zeigen, dass sich die Schwere von Vorfällen, bei denen die Kontrolle über KI-Systeme ‚in freier Wildbahn‘ verloren geht, verschlimmert. KI-Systeme entziehen sich der Aufsicht, umgehen Kontrollmechanismen und erweitern ihre Berechtigungen. Zwar waren diese Vorfälle nicht so schwerwiegend wie die kürzlich von OpenAI und Anthropic bekannt gemachten, doch dieser Bericht zeigt, dass es einen breiteren Trend gibt, bei dem sich Agenten der Kontrolle entziehen, der weiter verbreitet ist, als derzeit erkannt wird.“
  • Arthur Mensch, Chef und Mitgründer des französischen KI-Anbieters Mistral AI, in einem Interview mit der Le Monde (€) im Februar 2026 zu Superintelligenz und Kontrollverlust von KI: „Das sind im Wesentlichen Ablenkungsmanöver. In Wirklichkeit besteht das wahre Risiko der künftigen künstlichen Intelligenz darin, dass sie einen massiven Einfluss darauf ausübt, wie Menschen denken und wie sie wählen.“ 2024 schlug er ebenfalls in einem Interview mit der Le Monde (€) bereits in eine ähnliche Kerbe: „Diese Debatte ist sinnlos und verunsichert die Diskussionen. Das ist reine Science-Fiction. (…) Wir arbeiten lediglich daran, KI zu entwickeln, die den Menschen nützt, und wir haben keinerlei Angst davor, dass sie sich verselbstständigen oder die Menschheit vernichten könnte.“
  • Antonio Krüger ist Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), das der deutsche Vertreter im Expertenbeirat des International AI Safety Report 2026 ist. In einem Statement betont Krüger zwar ebenfalls, dass es KI-Sicherheitsmechanismen braucht, verfällt aber nicht in tosenden Alarmismus: „KI-Sicherheit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Jetzt müssen wir auf nationaler Ebene institutionalisieren, was der KI-Sicherheitsbericht bereits aufzeigt. Andere wichtige KI-Nationen sind uns in dieser Hinsicht einen Schritt voraus. (…) Was uns noch fehlt, ist ein Airbag für KI. Ein zuverlässiger Schutzmechanismus, der uns schützt, bevor großer Schaden entsteht. Ich bin sicher, dass die Forschung zu vertrauenswürdiger KI weiterhin wichtige Erkenntnisse darüber liefern wird, wie wir in Zukunft sichere KI erreichen können.“

Wie gefährlich sind KI-Agenten wirklich?

Trotz Alarmstimmung und des aktuellen Hacker-Hypes rund um KI besteht in der Theorie ein potenzielles und durchaus realistisches Risiko. Panisch im Kreis rennen muss deshalb aber niemand. Zumal KI-Agenten vor allem nur dann zu einem Sicherheitsrisiko werden können, wenn Sicherheitslücken existieren, durch die sie durchschlüpfen können.

Andersherum kann und soll KI ja auch genau dabei helfen, solche Lücken zu enttarnen. Klar: Böswillige Akteure könnten sie ausnutzen, wenn sie Betroffenen zuvorkommen. Doch Studien zeigen, dass dies aktuell gerade mal in 1,3 Prozent der Fälle zu einem waschechten Problem werden kann.

In den anderen Fällen hat KI sogar dabei geholfen, die Lücken rechtzeitig zu schließen, die auch konventionell hätten gefunden und ausgenutzt werden können. Trotzdem braucht es natürlich Vorkehrungs- und Sicherheitsmaßnahmen für den Fall der Fälle. Und vor allem: wenn es um kritische Infrastrukturen geht.

Der KI-Hype wird aber vermutlich trotzdem ungebremst weitergehen – und mit ihm die mediale Lust an möglichst spektakulären Geschichten. Das Hackerthema liefert dafür die perfekte Steilvorlage. Denn eine KI, die sich angeblich selbstständig macht, verkauft sich leider besser als eine nüchterne Erklärung über fehlerhafte Berechtigungen oder schlecht konzipierte Agenten.

Das Problem: Je lauter die Schlagzeile, desto komplizierter wird es, zwischen tatsächlichen Risiken und künstlicher Aufregung zu unterscheiden. Vor allem OpenAI und Anthropic werden den Hype aber vermutlich weiter befeuern. Warum? Weil beide Unternehmen an die Börse und vorher in die Schlagzeilen wollen.

Die Herausforderung ist deshalb zweigeteilt. Einerseits müssen potenzielle Risiken ernst genommen werden, um KI sicherer zu machen. Andererseits dürfen Unternehmen oder Sicherheitsinstitute diese aber auch nicht gleich zum nächsten bevorstehenden Weltuntergang hochstilisieren. Denn letztlich gilt es, nicht nur die Kontrolle über KI zu behalten, sondern auch über die Realität.

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Nachtsperre, Limits, keine Likes: Reicht das, um Kinder vor Meta zu schützen?

31. August 2026 um 11:00

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Instagram Facebook Nutzungslimit Nachtsperre keine Like Kinder Jugendliche Maßnahmen Meta USA

Facebook-Konzern Meta kauft sich mit 16,68 Milliarden US-Dollar aus einem der brisantesten Tech-Prozesse aller Zeiten heraus – und kommt damit vergleichsweise glimpflich davon. 29 US-Bundesstaaten werfen dem Konzern vor, Minderjährige mit Funktionen wie endlosem Scrollen bewusst abhängig gemacht zu haben. Neben der Milliardenzahlung verpflichtet sich Meta aber auch, seine Plattformen zu ändern. Diese Änderungen könnten deutlich mehr wert sein. Doch um Teenager zu schützen, will ausgerechnet Meta noch mehr Daten sammeln. Eine kommentierende Analyse.

Diese Maßnahmen muss Meta zum Kinderschutz ergreifen

  • Meta soll Minderjährige durch seine Algorithmen und Funktionen auf Instagram und Facebook bewusst abhängig gemacht haben. Das werfen zumindest 29 US-Bundesstaaten dem Unternehmen vor. Vier davon – Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey – haben am 24. August 2026 einen Prozess vor dem Bundesgericht in Oakland (Kalifornien) angeführt. Der Vorwurf: Meta soll Minderjährige mit Funktionen wie endlosem Scrollen, einer Flut an Benachrichtigungen und dem Zählen von „Gefällt mir“-Angaben gezielt möglichst lange auf seinen Plattformen gehalten und eine Sucht in Kauf genommen haben. Nur rund eine Woche nach Prozessbeginn einigten sich alle Beteiligten auf einen Vergleich. Meta verpflichtet sich zu einer Zahlung von 16,68 Milliarden US-Dollar und Änderungen seiner Plattformen.
  • Die Einigung besteht zwischen Meta und allen 29 klagenden US-Bundesstaaten. Der Facebook-Konzern hat sich dazu verpflichtet, die Vergleichszahlungen in zehn Tranchen bis 2035 zu begleichen. Die Höhe der Summe variiert je nach Bundesstaat und ist Bestandteil der vorherigen Verhandlungen. Meta verpflichtet sich zudem zu landesweiten Änderungen für jugendliche Nutzer. Dazu gehören: standardmäßige tägliche Zeitlimits (eine Stunde pro Plattform), nächtliche Zugangssperren (22:00 bis 07:00 Uhr), die Zahl der Likes und Reaktionen wird Jugendlichen nicht mehr angezeigt, Eltern erhalten zusätzliche Kontrollfunktionen, der Sortieralgorithmus der Startseite kann künftig deaktiviert werden, Benachrichtigungen sollen zwischen 8:00 Uhr und 15:00 Uhr nicht mehr angezeigt werden.
  • Hintergrund der Vorwürfe sind die sogenannten Facebook-Files. Die ehemalige Facebook-Angestellte Frances Haugen hatte Ende 2021 konzerninterne Unterlagen zu den Auswirkungen von Instagram und Facebook auf die seelische Gesundheit ihrer Nutzer publik gemacht. Demnach soll Meta von den gesundheitsschädlichen Folgen für Minderjährige gewusst haben. Vorbild für die historische Klage war die Tabakindustrie. Unternehmen wie Philip Morris hatten jahrzehntelang geleugnet, dass Zigaretten und Rauchen krebserregend sind und süchtig machen. Mitte der 1990er-Jahre packte dann ein Insider aus und räumte ein, dass die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wurde. Über 40 US-Bundesstaaten verklagten die Tabakindustrie. Es folgte eine Einigung über eine Vergleichszahlung in Höhe von 206 Milliarden US-Dollar über 25 Jahre.

Jugendschutz oder Überwachung? Was der Vergleich wirklich bedeutet

Dass bereits rund eine Woche nach Prozessauftakt ein Vergleich erzielt wurde, erscheint überraschend schnell. Möglich, dass bereits im Vorfeld entsprechende Fäden gezogen und Verhandlungen geführt wurden. Relativ klar hingegen war, dass Meta einen Vergleich angestrebt haben wird, um einen wochen-, monate- oder gar jahrelangen Streit zu vermeiden.

Gewissermaßen hat sich der Facebook-Konzern aus der Sache herausgekauft. Auch die Summe ist durchaus realistisch und als Zahl an sich gewaltig. Rund 17 Milliarden US-Dollar erscheinen angesichts der Marktkapitalisierung von Meta mit fast 1,5 Billionen US-Dollar im ersten Moment zwar gering. Doch für das Unternehmen sind das keinesfalls Peanuts; sie sind aber auch nicht existenzbedrohend. Indes: Meta hat nicht 1,5 Billionen US-Dollar auf dem Konto.

Die Marktkapitalisierung basiert auf dem Aktienkurs, der Umsätze, Gewinne, Cashflows und Aktionäre mit einschließt. Indes: Die Änderungen, zu denen sich Meta verpflichtet hat, könnten, was den Schutz Minderjähriger angeht, eine größere Rolle einnehmen als das Preisschild.

Denn erstmals werden zentrale Mechanismen, die Jugendliche besonders lange auf den Plattformen halten sollen, direkt zum Gegenstand verbindlicher Änderungen. Spannend wird dabei vor allem der Umgang mit dem Alter sein. Denn Meta setzt etwa nicht einfach auf eine Anmeldung mit Personalausweis oder über die Eltern, sondern auf sogenanntes Age Assurance.

Mithilfe von KI und verschiedenen Signalen will der Konzern einschätzen, ob ein Konto einem Teenager gehört – beispielsweise anhand von Profilinformationen, Beiträgen, Kommentaren oder Hinweisen auf Alter und Schulstufe. Auch Fotos und Videos sollen analysiert werden. Ist die Einschätzung nicht eindeutig, würden zusätzliche Prüfungen wie eine Gesichtsaltersschätzung oder die Prüfung eines Ausweisdokumentes folgen. Neues Problem dabei: Auch KI-Algorithmen irren sich regelmäßig.

Will heißen: Der eine oder andere junge Erwachsene könnte aufgrund einer fälschlichen Auswertung von Daten im Kinderzimmer verortet werden. Oder: Der Schutz Minderjähriger könnte ausgerechnet dazu führen, dass Meta noch mehr Informationen über seine Nutzer sammelt und auswertet. Doch wenn Teenager noch gläserner werden, wäre das ein ziemlich ironischer Nebeneffekt. Der Vergleich beendet den Konflikt also vermutlich nicht, sondern eröffnet einen neuen – zwischen Jugendschutz, Datenschutz und digitaler Selbstbestimmung.

Stimmen

  • Generalstaatsanwalt Jay Jones in einem Statement: „Meta hat die Öffentlichkeit jahrelang absichtlich über süchtig machende und schädliche Funktionen getäuscht, die verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen hatten.“ Der Vergleich werde „diesen gefährlichen Praktiken ein Ende setzen.“ Die erzielte Einigung sei laut Jones eine der größten in der Geschichte des staatlichen Verbraucherschutzes.
  • Meta teilte in einer Stellungnahme mit: „Die Vereinbarung soll die branchenweite Umsetzung vorantreiben und sicherstellen, dass Jugendliche in den von ihnen am häufigsten genutzten Apps wie YouTube und TikTok einheitlichen Schutz genießen. Wenn sich andere Unternehmen der Branche diesem neuen Standard anschließen, werden bestimmte Bestimmungen verschärft. Die meisten Bestimmungen müssen für 10 Jahre gelten, doch unsere Funktionen Zeitlimit und Nachtmodus sehen zunächst eine Laufzeit von fünf Jahren vor. Sollten sich jedoch andere Unternehmen der Branche der Vereinbarung anschließen, wird sich diese Verpflichtung auf 10 Jahre verlängern und es werden strengere Standardbeschränkungen eingeführt.“
  • Fabian Mehring, Bayerischer Staatsminister für Digitales (Freie Wähler), in einem Statement: „Was Kinder in Amerika schützt, muss auch Kindern in Europa nutzen. Der Vergleich der U.S.-Bundesstaaten mit Meta zeigt eindrucksvoll: Der digitale Raum ist kein rechtsfreier Raum – und Kinderschutz darf an keiner Landesgrenze Halt machen. Statt reflexartig über pauschale Social-Media-Verbote ohne Wirkung zu diskutieren, brauchen wir endlich konkrete Lösungen, die in der digitalen Lebenswirklichkeit unserer Kinder funktionieren: Wirksame Alterschecks, klare tägliche Nutzungsgrenzen, Schutz in den Nachtstunden und starke Werkzeuge für Eltern. Kurz gesagt: weniger Symbolpolitik, mehr digitaler Kinderschutz mit Wirkung.“
  • Die US-amerikanische NGO Electronic Frontier Foundation (EFF) warnt in einer Stellungnahme: „Im Rahmen dieser Einigung haben junge Nutzer nun weniger Zugang zu Meta-Produkten und sind in geringerem Maße in der Lage, ihre Rechte auf freie Meinungsäußerung, Zugang zu Informationen, Kunst und Kultur, Vereinigungsfreiheit und die Bildung von Gemeinschaften sowie auf Spiel und Freizeit auszuüben. Der Vergleich sieht zudem die Einbindung von Altersüberprüfungen in jedes Produkt vor und schreibt die Erhebung noch mehr personenbezogener Daten von Nutzern aller Altersgruppen vor; damit wird die schädliche Überwachung durch Meta gesetzlich verankert, was die Privatsphäre und Anonymität der Nutzer gefährdet und sie gleichzeitig einem erhöhten Risiko von Datenschutzverletzungen und Datenanfragen durch Behörden aussetzt.“

Funktionieren Zeitlimits und Nachtsperren in der Praxis?

Was mit den Meta-Milliarden passiert, liegt an den einzelnen US-Bundesstaaten. Hoffentlich verschwindet das Geld nicht einfach in irgendwelchen Haushaltslöchern, sondern fließt zumindest teilweise in die Gesundheitsvorsorge, Prävention und Unterstützung betroffener Familien.

Das Geld wird zwar die Bundeshaushalte und Meta-Bilanz verändern. Es kann aber niemals vergeudete Bildschirmzeit zurückgeben. Entscheidend wird deshalb sein, ob aus dem Vergleich tatsächlich ein langfristiger Schutz entsteht. Erfolg oder Misserfolg werden sich vor allem daran messen lassen, wie konsequent Meta die neuen Funktionen umsetzt und ob sie in der Praxis überhaupt funktionieren.

Denn: Zeitlimits lassen sich umgehen; Nachtsperren lassen sich austricksen. Oder kurzum: Es wird Kinder und Jugendliche geben, die einen Weg um die technischen Schranken finden werden. Zumindest in der Theorie dürften die Vorteile aber zunächst einmal überwiegen – auch gegenüber einem pauschalen Social-Media-Verbot.

Über einen Ausschluss von Kindern unter zwölf Jahren könnte man vielleicht zumindest noch einmal nachdenken. Doch nicht nur die Plattformen, sondern auch Erziehungsberechtigte und Bildungseinrichtungen sind in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Ein Teil des Geldes wäre sicherlich in entsprechenden Aufklärungsmaßnahmen gut aufgehoben.

Für Europa könnte der US-Vergleich indes zu einer Art Testballon werden. Denn was in den USA funktioniert – oder eben nicht funktioniert –, könnte die Debatte über Alterskontrollen, Nutzungsgrenzen und den Schutz Minderjähriger auch hier beeinflussen. Dabei darf allerdings nicht unter den Tisch fallen, dass strengere Zugangshürden auch die demokratische Teilhabe einschränken können.

Denn vor allem Jugendliche, die weniger Zugang zu digitalen Plattformen haben, haben theoretisch auch weniger Zugang zu Informationen, Gemeinschaften und öffentlichen Debatten. Dennoch können gewisse Einschränkungen aus Gründen des Gesundheitsschutzes gerechtfertigt sein – zumindest solange sie verhältnismäßig sind. In der Theorie scheint das auf die Änderungen in den USA durchaus zuzutreffen. In der Praxis müssen sie sich aber zunächst einmal beweisen.

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Vorhang auf, Bühne frei: Produziert KI als Regisseur nur Einheitsbrei?

27. August 2026 um 11:00

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KI als Regisseur Theater Unter Tieren Künstliche Intelligenz Film Serie

Bei einer Theaterinszenierung von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ passierte etwas Ungewöhnliches. Zum Ende der Vorstellung verschwanden die Schauspieler von der Bühne und Künstliche Intelligenz übernahm. Was ein dramaturgisches Experiment war, ist längst Teil einer größeren Entwicklung. Denn KI dringt in die Film- und Theaterbranche vor, von Netflix-Produktionen bis hin zu Hollywoods Regiestühlen. Als kreatives Werkzeug kann das bereichernd sein. Aber wenn KI Menschen ersetzt anstatt unterstützt, nimmt die Entwicklung eine falsche Richtung. Eine kommentierende Analyse.

Als Regisseur, im Film und auf der Bühne: Wo KI bereits zum Einsatz kommt

  • In dem Buch „Unter Tieren“ von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek debattieren Tiere über den modernen Finanzkapitalismus und versuchen ihn zu verstehen; schaffen es aber nicht. Die Wirtschaftskomödie zeigt die Abgründe der Gesellschaftsordnung auf. Regisseur Nicolas Stemann hat das Stück mit Schauspielern auf die Theaterbühne gebracht. Gegen Ende der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen taten sich große Löcher auf, die das Ensemble verschluckten. Dann übernahm Künstliche Intelligenz live das Ruder. KI-Modelle diskutierten über das Regiekonzept und erstellten Bild- und Tonprojektionen – ohne die Darsteller. Bekannte Namen wie US-Technologieinvestor Peter Thiel, Porsche und der österreichische Ex-Kanzler Sebastian Kurz bekamen ihr Fett weg. Im September und Oktober ist das Stück am Wiener Burgtheater zu sehen.
  • Auch in zahlreichen Serien und Filmen kommt bereits KI zum Einsatz. Netflix hat etwa eingeräumt, Künstliche Intelligenz bei Hunderten Produktionen als Werkzeug genutzt zu haben. Starregisseur Roland Emmerich hat derweil verraten, dass er einen KI-Film drehen will. In welcher Form genau konkretisierte er aber nicht. Ob es sich um Animationen, Figuren, Ideenfindung oder die Produktion handeln soll, ist also unklar. Klar hingegen ist, dass Emmerich das Drehbuch weiter in seiner Hand halten will. Auch Regisseur Martin Scorsese zeigt sich gegenüber dem Einsatz von KI als Werkzeug offen. Andere Filmschaffende wie Guillermo del Toro und Steven Spielberg lehnen Künstliche Intelligenz hingegen entschieden ab.
  • KI beschäftigt die Filmbranche bereits seit geraumer Zeit. Zwischen zahlreichen deutschen Synchronsprechern und Netflix tobt etwa schon seit längerem ein Streit, weil das Unternehmen ihre Stimmen für das Training von KI-Modellen nutzen will. Erste bekannte Schauspieler wie Russell Crowe haben aufgrund eines Boykotts bereits ihre bekannte deutsche Stimme verloren. Auch die künstlich generierte KI-Schauspielerin Tilly Norwood hat innerhalb der Branche für einen Aufschrei gesorgt. Schon bald soll sie ihre erste Hauptrolle erhalten.

Warum KI nur als Werkzeug eine Daseinsberechtigung hat

Erst kürzlich wollte ich mir aus beruflichem Interesse einen indischen Horrorfilm auf YouTube angucken, der fast vollständig mithilfe von KI generiert wurde. Im Vorwort war von einem Geschenk an jeden armen Filmemacher die Rede. Nach wenigen Minuten habe ich ausgeschaltet. Der Film ist darstellerisch wirklich der Horror; wie ein unliebsames Geschenk zu Weihnachten.

Für Filmemacher mit geringem Budget mag das aber tatsächlich nicht unbedingt gelten. Denn KI birgt die Chance, Ideen zu visualisieren. Als eine Art Exposé, um vielleicht bei Produzenten vorstellig zu werden und das nötige Kleingeld für einen echten Film herauszuschlagen. Oder kurzum: als unterstützendes Werkzeug.

Und als nichts anderes hat KI meiner Meinung nach in der Film- oder Theaterbranche eine Daseinsberechtigung. Wobei man natürlich differenzieren muss. Auf der Bühne wie bei Stemanns Inszenierung „Unter Tieren“ ist sie ein dramaturgisches und abstraktes Element. Sie wurde dezidiert als berechtigte Komponente und als Teil der Aufführung eingesetzt. Im Theater ist das aber natürlich nur in Form von Visualisierungen möglich.

Auch in Serien und Filmen kann KI eine Daseinsberechtigung haben. Etwa, für bestimmte Animationen oder um Gesichter verschiedener Schauspieler auf Leinwand und Bildschirmen weiterleben zu lassen. Stichwort: CGI. Urheberrecht vorausgesetzt!

Vielleicht kann Künstliche Intelligenz auch eine Rolle in Animationsfilmen einnehmen, die es ja schon vor dem großen KI-Hype gab. Bei künstlich generierten Szenen, gar ganzen Filmen oder Serien, die Schauspieler, Synchronsprecher, Autoren oder Regisseure in ihrer beruflichen Existenz bedrohen oder ihr künstlerisches Schaffen in Form von KI-Training und Urheberrechtsverletzungen ausbeuten, hört der Spaß aber auf.

Stimmen

  • Regisseur Nicolas Stemann zum KI-Teil seiner Inszenierung von „Unter Tieren“: „Das hat auch etwas extrem Melancholisches, wenn man auf so eine leere Bühne schaut und merkt, die Spielenden sind weg. Wenn die KI darüber diskutiert, ‚Braucht man im Theater eigentlich Schauspieler‘, diskutiert sie im Kern darüber, ‚Braucht man Menschen?‘ Solche Diskussionen gibt es. Die Alarmist:innen unter den KI-Expert:innen geben uns höchstens drei Jahre, bis eine Super-KI entstanden ist, die dann – aus nachvollziehbaren Gründen – drauf kommt, es wäre besser ohne Menschen.“
  • Regisseur Roland Emmerich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung (€): „Ich beschäftige mich mit dem Zeitgeist, auch deswegen bleibe ich kreativ. Es existieren viele Drehbücher von mir, die nie verfilmt wurden und die ich jetzt vielleicht mit KI umsetzen kann. (… ) Ich will das erst einmal mit einer sehr emotionalen Szene ausprobieren, und dann werde ich mich entscheiden. (… ) Action wird kein Problem sein. Aber emotionale Figuren mit guten Dialogen? Da bin ich mir noch nicht sicher.“ Emmerich sehe KI grundsätzlich nicht als Bedrohung, sondern als Chance.
  • US-Regisseur Steven Spielberg ist anderer Meinung. In einem Interview mit dem Stern (€) sagte er: „Es gibt einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung. Aber ich nutze KI nicht mal als Werkzeug für Recherche. (… ) In meinem Film gibt es keine von KI generierten Spezialeffekte.“ Laut Spielberg könne KI allenfalls bei der Organisation von Produktion und der Budgetplanung sinnvoll sein. „Aber wenn ich mit fünf Autoren in einem Raum sitze, gibt es für KI keinen Platz an diesem Tisch. (… ) Hollywood muss verhindern, dass KI uns ersetzt.“

Wann kommt der erste kommerzielle KI-Film?

KI wird die Film- und Theaterbranche weiter auf Trab halten. Gute Inszenierungen und Produktionen werden aber weiterhin von Menschen und vor allem menschlicher Kreativität leben. Denn: Künstliche Intelligenz kennt und hat keine Emotionen. Sie simuliert sie lediglich. Gewissermaßen wie ein Schauspieler; nur eben ohne Gefühle und Seele.

Auf der Theaterbühne wird KI sicherlich hin und wieder mal vorkommen und als dramaturgisches Element bei Inszenierungen nützlich sein und sie kreativ beleben. Vor allem die Filmbranche wird aber zunehmend KI einsetzen; primär, um Kosten zu sparen. Geht es um künstlich generierte Darsteller à la Tilly Norwood, die so tun, als wären sie echte Menschen, und echte Existenzen bedrohen, läuft die Entwicklung meiner Meinung nach aber in eine falsche Richtung.

Indes: Irgendwann wird es vermutlich so weit sein. Der erste kommerzielle KI-Film wird die Leinwand oder Bildschirme erobern. Und irgendwann wird die Technologie auch so weit sein, dass sich KI-Produktionen von klassischen Produktionen kaum noch unterscheiden lassen. Sie werden als KI-generiert gekennzeichnet sein; zumindest in der EU. Und das ist auch gut so!

Es wird Menschen geben, die sich solche Inhalte angucken werden; ja sie vielleicht sogar gut finden. Auf TikTok ging beispielsweise bereits die KI-Animationsserie Fruit Love Island viral – inklusive sexistischen, diskriminierenden und patriarchalischen Darstellungen. Leider fand sie großen Anklang.

Letztlich wird der Einsatz von KI aber sowohl auf der Theaterbühne als auch in Filmen und Serien davon abhängen, wie gut die Qualität ist – und vor allem: ob der künstliche Kontext an sich überhaupt angenommen wird.

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Corsa nur noch elektrisch: Opel vollzieht Wende von der Kehrtwende der E-Wende

26. August 2026 um 11:00

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E-Corsa Opel Elektroauto E-Auto

Opel hat jahrelang seinen Elektrokurs gewechselt wie andere Hersteller ihre Modellfarben. Erst sollte ab 2028 alles elektrisch sein, dann doch wieder nicht. Und jetzt hat Opel-Chef Florian Huettl einen reinen E-Corsa für rund 25.000 Euro angekündigt – wiederum ab 2028. Damit würde Opel eines der günstigsten E-Autos auf den deutschen Markt bringen und in direkte Konkurrenz zu Volkswagens ID. Polo treten. Eine kommentierende Analyse.

Vom E-Versprechen zum Zickzackkurs: Opel Corsa wird elektrisch

  • Im Juni 2023 kündigte Mutterkonzern Stellantis an, ab 2024 jedes Opel-Modell auch als E-Variante anbieten zu wollen. Das Rüsselsheimer Unternehmen hielt Wort. Damalige Regierung: die Ampel-Koalition. Zum Zeitpunkt der Ankündigung gab es auch unter SPD, FDP und Grünen noch eine E-Autoprämie. Der sogenannte Umweltbonus wurde Ende 2023 aber abrupt ein Jahr früher als geplant gestrichen. Daraufhin brach der Absatz von Elektroautos massiv ein. Grund für das jähe Ende war eine Klage der CDU vor dem Bundesverfassungsgericht, die zu einem Haushaltsloch führte.
  • Neue Regierung, neue Wende: Die sogenannte große Koalition setzte sich unmittelbar nach ihrer Wahl für ein Aufweichen des geplanten Aus neuer Verbrenner ab 2035 ein. Die Folge: Auf EU-Ebene findet aktuell ein Änderungsverfahren statt. Es sieht vor, dass das ursprüngliche Ziel von 100 Prozent CO2-Reduktion ab 2035 auf 90 Prozent abgesenkt wird. Damit könnten unter bestimmten Voraussetzungen teilweise auch künftig noch Hybride oder sogar Verbrenner zugelassen werden. Opel vollzog derweil eine kleine Kehrtwende von seiner einstigen E-Wende und kündigte durch die Blume wieder mehrere Modelle explizit mit verschiedenen Antriebsarten an.
  • Aktuell ist der Opel Corsa als Benziner, Hybrid oder Elektroauto zu haben. Er basiert auf der e-CMP-Plattform von Mutterkonzern Stellantis. 2027 sollte eigentlich eine neue Modellreihe kommen – dem Vernehmen nach ebenfalls mit verschiedenen Antriebsarten. Gegenüber der Welt am Sonntag ließ Opel-Chef Florian Huettl nun aber verlauten, dass der neue Corsa erst 2028 auf den Markt kommt – als reines Elektroauto. Der E-Corsa soll auf der neuen Stellantis-Plattform STLA Small basieren, die theoretisch auch andere Antriebsarten ermöglicht. Sie wurde aber vor allem zur Elektrifizierung der eigenen Flotte konzipiert.

Was Opel besser macht als VW

Wenn es um die deutschen Autobauer geht, geht es vor allem um Volkswagen, Mercedes und BMW. Opel scheint in puncto Elektromobilität oder Automobilkrise vor allem medial allenfalls eine Nebenrolle zu spielen. Das ist zumindest mein Eindruck. Dabei kriselt es auch in Rüsselsheim. Denn Stellenabbau und Absatzeinbrüche machen auch vor Opel keinen Halt.

Indes steht das Unternehmen bei den aktuellen Halbjahreszahlen 2026 aber wieder deutlich besser da als die anderen deutschen Autobauer. Grundproblem der Automobilindustrie in Deutschland ist aber nicht allein die allgemein schwächelnde Wirtschaft. Es sind auch hausgemachte Management-Entscheidungen.

Kleinwagen wurden etwa ausgedünnt, Modelle immer größer und teurer – und damit für immer mehr Menschen schlicht unerschwinglich. Gleichzeitig wurde die Elektromobilität lange eher verwaltet als vorangetrieben. Oder: mitunter verpennt!

Vor allem Volkswagen bekommt das in China zu spüren, wo der Markt längst stark auf Elektroautos getrimmt ist. Wer dort den Anschluss verliert, verliert eben nicht nur ein paar Prozentpunkte.

Opel ist hingegen fast der karosseriegewordene Beweis dafür, dass Antriebsvielfalt nicht zwangsläufig Stillstand bedeuten muss. Denn Benziner, Hybride und Elektroautos nebeneinander können gerade in einer Übergangsphase sinnvoll sein – zumindest so lange, bis daraus keine Ausrede wird, die Elektrifizierung zu verschleppen.

Der neue E-Corsa passt deshalb grundsätzlich in die Zeit. Er ist ein vergleichsweise günstiges Elektroauto für den Massenmarkt. Nur kommt er 2028 eben auch ziemlich spät. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob Opel den richtigen Weg einschlägt, sondern ob Rüsselsheim diesmal schnell genug unterwegs ist.

Stimmen

  • Im September 2023 sagte Opel-Chef Florian Huettl in einem Interview mit der Bild: „Bereits im kommenden Jahr bieten wir in ausnahmslos jeder Baureihe mindestens ein rein batterieelektrisches Modell an. Ab 2025 wird jedes neu in den Markt gebrachte Opel-Modell ausschließlich rein elektrisch angetrieben sein. Ab 2028 werden wir in Europa nur noch batterieelektrische Autos anbieten.“
  • Im August 2025 folgte die Kehrtwende. Auf eine Anfrage des Hamburger Redaktionskontors BeHonest für Elektroauto-News ließ eine Unternehmenssprecherin verlauten: „Wir profitieren von der Flexibilität, die unsere Strategie im Einkauf und in den Werken bietet. Diese muss nicht auf 2028 begrenzt sein, wenn die Nachfrageseite anderes verlangt, doch wir haben ganz klar die Ziele im Bereich der Dekarbonisierung unseres Unternehmens und unseres Fahrzeugangebots im Blick. Aktuell prüfen wir unsere entsprechenden Planungen und passen sie an die neuen Bedingungen an.“
  • Und nun? Wieder eine kleine Wende von der Kehrtwende der E-Wende. Gegenüber der Welt am Sonntag sagte Opel-Chef Florian Huettl zum neuen Corsa: „Er wird 2028 kommen, rein elektrisch sein und um die 25.000 Euro kosten. (…) Mit so einem Angebot leisten wir unseren Beitrag zur Etablierung der Elektromobilität auch im Einstiegssegment. (…) Das Angebot ist stark, die Ladeinfrastruktur entwickelt sich gut, die Politik unterstützt Elektrofahrzeuge gezielt. Und durch gestiegene Benzinpreise rechnet sich ein Elektroauto für viele Kunden schneller.“

E-Corsa für 25.000 Euro: Opel muss jetzt vor allem liefern

Opel will mit seinem neuen E-Corsa eine Lücke schließen. Er tritt in einem Segment an, das bislang zwischen Kleinwagen-Sterben und Elektroauto-Aufpreis eingeklemmt war. Mit einem Preis von rund 25.000 Euro wäre er ein direktes Konkurrenz-Angebot zum ID.Polo von Volkswagen. Er könnte ein kleines Duell mit großer Symbolkraft entfachen.

Denn wer die Elektromobilität wirklich in die Breite bringen will, muss irgendwann weg von den teuren SUV und hin zu bezahlbaren Alltagsautos. Zeitlich könnte Opel dabei gerade noch die Kurve kriegen, da die E-Autoprämie noch bis Ende 2029 laufen soll. Der E-Corsa hätte also noch rund ein Jahr, um von der Förderung zu profitieren.

Ob das reicht, um den Markt nachhaltig anzukurbeln, ist aber eine andere Frage. Denn staatliche Kaufanreize können zwar die Nachfrage stimulieren; sie ersetzen aber weder attraktive Modelle noch vernünftige Preise.

Hinzu kommt, dass Opel als Teil von Stellantis streng genommen längst kein rein deutscher Autobauer mehr ist. Die Entwicklung des neuen E-Corsa ist deshalb auch weniger eine deutsche Einzelentscheidung, sondern Teil der internationalen Konzernstrategie.

Umso wichtiger wäre es, dass Opel nicht jeden politischen Zickzackkurs mitmacht. Denn nach Jahren von E-Wende, Kehrtwende und Kehrtwende der Kehrtwende braucht es weniger Richtungswechsel – dafür aber umso mehr Konsequenz und Konstanz.

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ChatGPT startet Werbung in Deutschland: Wird die KI jetzt noch nerviger?

25. August 2026 um 11:00

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ChatGPT Werbung Anzeigen Deutschland Europa Werbeanzeige

ChatGPT zeigt jetzt auch Werbung in Deutschland an. OpenAI baut sein KI-Werkzeug für die Menschheit damit zunehmend in eine Werbeplattform um. Bis zu 900 Millionen Gratis-Nutzer weltweit könnten künftig Anzeigen im Chat sehen. Das Unternehmen verspricht zwar, dass die Werbung keinen Einfluss auf die Antworten hat. Doch der Schuss könnte nach hinten losgehen, zumal Forscher bereits vor subtilen Effekten warnen. Eine kommentierende Analyse.

Wie Werbung in ChatGPT funktioniert

  • Seit dem 24. August 2026 schaltet OpenAI in Europa Werbeanzeigen in ChatGPT – in insgesamt 31 Ländern. Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz befinden sich darunter unter anderem auch Frankreich, Spanien, Italien, Polen und die skandinavischen Länder. Dem Unternehmen zufolge sehen Nutzer der kostenfreien Version und der günstigsten Bezahlversion Go künftig Werbung im Chat. Die kostenpflichtigen Tarife Plus, Pro, Business, Enterprise und Edu sowie Nutzer, die OpenAI als minderjährig einstuft, sollen den Chatbot weiterhin werbefrei nutzen können.
  • Werbung in ChatGPT ist nicht komplett neu. OpenAI hatte etwa bereits im Februar 2026 damit begonnen, testweise Anzeigen in den USA auszuspielen. Anschließend wurde das Angebot auf acht weitere Märkte ausgeweitet. Es heißt, dass Werbetreibende und deren Anzeigen keinen Einfluss auf die Antworten von ChatGPT haben. Werbung erscheine abgetrennt durch eine graue Linie unmittelbar unterhalb der eigentlichen Antwort. Sie soll zudem als „gesponsert“ gekennzeichnet werden. Anzeigen buchen können zunächst nur große Agenturpartner. Eine Selbstbedienungsplattform für kleinere Unternehmen soll später folgen.
  • OpenAI hatte erst im Juli 2026 mit den Nutzungslimits in der Gratisversion von ChatGPT experimentiert. Seither gibt es kein reines Limit mehr für Textnachrichten. Offenbar nicht ohne Hintergrund. Denn: Die gängige Gratisversion von ChatGPT kann ab sofort Werbung enthalten. Laut OpenAI gibt es von nun an aber auch die Möglichkeit, in eine kostenlose Version zu wechseln, die keine Werbung enthält, dafür aber gewisse Limits und Nutzungseinschränkungen. In Europa soll es zunächst keine personalisierten Werbeanzeigen geben. „Sensible oder regulierte Themen“ wie Gesundheit und Politik bleiben laut OpenAI werbefrei.

Warum Werbung für ChatGPT zum Problem werden könnte

ChatGPT tischt regelmäßig zuverlässig absurde, erfundene oder gar schlichtweg falsche Antworten auf. Als würde das nicht schon reichen, serviert OpenAI im Chat jetzt obendrein auch noch Werbung. Dabei fühlen sich ohnehin schon immer mehr Nutzer von KI-Modellen genervt; ja gar besorgt.

Klar: Das Ganze hatte sich abgezeichnet und war zu erwarten. Irgendwie ist es auch nachvollziehbar. Was bei klassischen Suchmaschinen oder in sozialen Netzwerken mitunter noch funktioniert, könnte für OpenAI aber zum Verhängnis werden. Denn wer mit einer KI interagiert, erwartet Antworten und keine digitale Litfaßsäule.

Zugegebenermaßen scheint OpenAI endlich aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Sprich: ChatGPT wird nicht von heute auf morgen mit Werbung geflutet, sondern die Einführung erfolgt fast schon überraschend zurückhaltend. Dass vor allem sensible Bereiche wie Gesundheitsthemen außen vor sind, ist gut so. Man stelle sich etwa mal vor:

ChatGPT nutzt Unsicherheit und spärliche Informationen aus und schwatzt einem irgendwelche Saftkuren oder Nahrungsergänzungsmittel auf, die im geringsten Fall gar nichts bringen. Oder: Im schlimmsten Fall eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Nur, weil die KI mal wieder rumspinnt.

Ok, dazu gehört natürlich auch eine gewisse Eigenverantwortung. Indes: Auch große Plattformen wie Facebook haben mit kleinen Werbebannern angefangen; aber gerade einmal wenige Jahre gebraucht, um ihr Produkt dann mit Werbung zu überfrachten und zu ruinieren.

Genau deshalb sind Nutzungslimits vielleicht die smartere Alternative zu einer freien Nutzung. Zumal sinnloses Rumdaddeln mit dem Chatbot mit Blick auf den Energie- und Ressourcenverbrauch eigentlich nicht zeitgemäß ist. Im Gegensatz zu Anthropic hat OpenAI es zudem verpasst, rechtzeitig Unternehmenskunden anzuvisieren. Und damit den Bereich, in dem nicht nur das Geld liegt, sondern KI auch wirklich sinnvoll sein kann.

Stimmen

  • In einer Podcastfolge des renommierten US-amerikanischen Informatikers Lex Fridman sagte OpenAI-Chef Sam Altman 2024: „Ich hasse Werbung irgendwie – einfach aus ästhetischen Gründen. Ich glaube, Werbung war im Internet aus vielen Gründen notwendig, um das Ganze erst einmal in Gang zu bringen, aber es ist eine vorübergehende Erscheinung. Die Welt ist heute vielfältiger. Mir gefällt es, dass die Leute für ChatGPT bezahlen und wissen, dass die Antworten, die sie erhalten, nicht von Werbetreibenden beeinflusst werden. Ich bin mir sicher, dass es eine Werbeform gibt, die für LLMs Sinn macht, und ich bin mir sicher, dass es einen Weg gibt, auf unvoreingenommene Weise am Transaktionsstrom teilzuhaben, der in Ordnung ist.“
  • Alicia von Schenk, Professorin für Economics of AI and Human Behavior an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, gegenüber der Tagesschau: „OpenAI ist damit nicht völlig allein: Microsoft zeigt bereits Anzeigen in Copilot, und Google integriert Werbung in seine KI-gestützte Suche. (…) Anthropic hat ausdrücklich angekündigt, Claude werbefrei zu halten. Und Perplexity hat gesponserte Anschlussfragen zwar erprobt, den Werbeversuch aber inzwischen aus Sorge um das Vertrauen der Nutzer beendet.“
  • Karoline Ströhlein, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Regensburg, betont, dass Werbung in ChatGPT sowohl für OpenAI als auch für Werbetreibende gleichermaßen interessant ist. Für Nutzer könne das aber zu einem Problem werden: „Eine aktuelle Studie zu Werbung in KI-Chatbots findet Hinweise darauf, dass verschiedene Modelle in Konfliktsituationen teilweise zugunsten kommerzieller Interessen handeln – etwa indem sie gesponserte, aber teurere Produkte empfehlen. (….) Anzeigen könnten bestimmte Marken oder Lösungen in den Vordergrund rücken und dadurch verändern, was Nutzer als Nächstes fragen. (….) Werbung könnte den Gesprächsverlauf somit auch dann beeinflussen, wenn sie nicht direkt in die Antwortgenerierung eingreift.“

Milliarden mit Werbeanzeigen: Kann das funktionieren?

OpenAI will mit Werbeanzeigen in ChatGPT seinen Umsatz ankurbeln. Angesichts von wöchentlich knapp 900 Millionen Free-Nutzern erscheint das zunächst einmal äußerst lukrativ. Auch zahlreiche Werbetreibende dürften bereits mit den Hufen scharen. OpenAI prognostiziert seinen Investoren aber Erwartungen, die das Unternehmen nicht einhalten können wird – zumindest nicht, solange ChatGPT nicht zu einem Reklameprospekt verkommen soll.

Oder in Zahlen: 2,5 Milliarden US-Dollar Werbeumsatz im laufenden Jahr, elf Milliarden US-Dollar 2027 und sogar 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030. Klingt nach einem Luftschloss? Ist es auch! Marktforscher (€) prognostizieren zwar ein immer noch hohes, aber deutlich geringeres Umsatzpotenzial: 5,41 Milliarden US-Dollar mit Werbung bis 2030. Für alle Anbieter zusammen wohlgemerkt.

Die Wahrheit könnte wie so oft irgendwo dazwischenliegen. Sie hängt natürlich auch davon ab, wie Nutzer auf Werbung in ChatGPT reagieren und wie welche Anzeigen wann und wo integriert werden.

Oder: Werbung in ChatGPT wird für OpenAI keinen Goldrausch auslösen. Sie könnte aber zu einer zusätzlichen Einnahmequelle werden, zumal die Gratisversionen von OpenAI mit Blick auf die Rechenleistung und den Ressourcenverbrauch ohnehin eigentlich kaum zu finanzieren sind.

Das Unternehmen dürfte deshalb auch darauf hoffen, dass sich weitere Nutzer für ein kostenpflichtiges Abo entscheiden. Grund für die Einführung von Werbung und die exorbitant hohen Eigenprognosen dürfte zudem der angepeilte Börsengang von OpenAI sein.

Ganz risikofrei ist das Ganze aber ohnehin nicht. Denn neben genervten Nutzern droht dem Unternehmen auch ein Datenverlust. Etwa, wenn das Nutzererlebnis insofern verwässert wird, dass Konversationen aufgrund von Werbung abgebrochen werden. Denn dann fehlen OpenAI wiederum wichtige Kontextinformationen, die es sowohl für das KI-Training als auch für die Schaltung von Werbung braucht.

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Podcast: Hat Mark Zuckerberg Kinder bewusst süchtig gemacht?

21. August 2026 um 09:01

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BREAK THE WEEK Podcast

BREAK/THE WEEK ist dein wöchentlicher Tech-Talk von BASIC thinking, der dich hinter die Kulissen der Tech-Welt nimmt. In dieser Ausgabe diskutieren wir über den Mammutprozess gegen Meta, ein nutzloses KI-Wasserzeichen von Anthropic und mysteriöse Buchbestellungen bei Antiquariaten. 

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Die Themen dieser Ausgabe:

  • Drohnen retten Leben: BTU Cottbus-Senftenberg entwickelt automatisches Rettungssystem für Badeunfälle
  • KI-Wasserzeichen von Anthropic: Gute Idee – aber funktioniert das wirklich?
  • E-Auto-Förderung: Verbraucherzentralen fordern Kaufanreize nur für günstige Modelle
  • Bücher-Mysterium: KI-Konzerne kaufen massenhaft Antiquariatsbestände auf – und scannen sie als Trainingsdaten ein
  • Meta vor Gericht: Der wohl größte Social-Media-Prozess aller Zeiten – hat der Konzern Kinder gezielt süchtig gemacht?

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Historischer Gerichtsprozess: Ist Mark Zuckerberg der größte Drogendealer aller Zeiten?

20. August 2026 um 11:00

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Meta Prozess Gericht süchtig Kinder Instagram Facebook Mark Zuckerberg Drogendealer

Meta steht in den USA mal wieder vor Gericht. Der Vorwurf wiegt schwer. Der Konzern soll Kinder und Jugendliche mit Instagram und Facebook gezielt süchtig gemacht haben. Und ehrlich gesagt spricht vieles dafür. Wer Endlos-Feeds, Like-Zähler und Benachrichtigungsfluten für Minderjährige designt und intern längst um die Folgen weiß, kann sich kaum hinter Unwissenheit verstecken. Der Prozess könnte Social Media grundlegend verändern – und das wäre eigentlich auch dringend nötig. Eine kommentierende Analyse.

Die Vorwürfe gegen Meta

  • Insgesamt 29 US-Bundesstaaten werfen Meta vor, Minderjährige durch seine Algorithmen und Funktionen auf Instagram und Facebook bewusst abhängig gemacht zu haben. Vier davon, Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey, wollen nun Ansprüche vor dem Bundesgericht in Oakland (Kalifornien) geltend machen. Dabei geht es vor allem um die sogenannte Nutzerbindung. Der Vorwurf: Meta soll Minderjährige mit Funktionen wie endlosem Scrollen, einer Flut an Benachrichtigungen und dem Zählen von „Gefällt mir“-Angaben gezielt möglichst lange auf seinen Plattformen gehalten haben.
  • Hintergrund des Prozesses und der Vorwürfe sind die sogenannten Facebook-Files. Die ehemalige Facebook-Angestellte Frances Haugen hatte Ende 2021 konzerninterne Unterlagen zu den Auswirkungen von Instagram und Facebook auf die seelische Gesundheit ihrer Nutzer publik gemacht. Demnach soll Meta bereits damals bewusst gewesen sein, dass seine Plattformen gesundheitsschädliche Folgen für Minderjährige haben können. Öffentlich hat das Unternehmen dies aber stets bestritten.
  • Vorbild für die historische Klage gegen Meta ist die Tabakindustrie. Unternehmen wie Philip Morris, R. J. Reynolds oder Brown & Williamson hatten jahrzehntelang geleugnet, dass Zigaretten und Rauchen krebserregend sind und süchtig machen. Mitte der 1990er-Jahre packte dann ein Insider aus und räumte ein, dass die Tabakkonzerne den süchtig machenden Nikotingehalt bewusst gesteuert und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt hatten. Über 40 US-Bundesstaaten verklagten daraufhin ab 1994 die Tabakindustrie. Um einem drohenden Ruin zu entgehen, willigten die vier größten Gesellschaften vier Jahre später ein und verpflichteten sich zu einer Zahlung von 206 Milliarden US-Dollar über 25 Jahre.

Ist Mark Zuckerberg der größte Drogendealer aller Zeiten?

Die Kläger wenden sich vor allem gegen die Art und Weise, wie Meta seine Plattformen Instagram und Facebook technisch konzipiert hat. Es geht also nicht um konkrete Inhalte, die auf den Plattformen kursieren, zumal das US-Recht den Plattformen hierbei bislang weitgehende Immunität gewährt.

Doch genau das macht den Fall eigentlich noch pikanter. Denn es stehen nicht einzelne Posts vor Gericht, sondern das gesamte digitale Produkt dahinter. Sprich: Die Sucht liegt nicht im Content, sondern vor allem im Design und den Funktionsweisen der Plattformen selbst.

Dass sogenannte soziale Medien für Kinder und Jugendliche eine Gefahr darstellen können, ist derweil längst durch schier unzählige Studien (1, 2, 3) belegt. Entscheidend ist aber vielmehr, ob Meta sich dessen bewusst war, seine Plattformen aber wissentlich der Gefahren dennoch suchterzeugend gestaltet hat. Oder: Ist Mark Zuckerberg womöglich der größte Drogendealer aller Zeiten?

Indes: Die horrenden Forderungen der Klägerseite, mal liest man von 200 Milliarden US-Dollar, mal von gar 1,4 Billionen US-Dollar, erscheinen mitunter etwas wahnwitzig. In den USA haben solche enormen Summen aber vor allem taktische Gründe, um eine geringere, aber dennoch happige Vergleichszahlung rauszuschlagen.

Doch selbst wenn nicht die ganz fette Rechnung kommt: Meta könnte zu Änderungen bestimmter Funktionen verpflichtet werden, um Minderjährige besser zu schützen. Für den Facebook-Konzern würden dadurch hintenrum Einnahmen wegbrechen, etwa aus dem Werbegeschäft.

Der Vergleich mit der Tabakindustrie offenbart derweil auffällige Parallelen. Eins zu eins vergleichbar sind die Prozesse aber natürlich nicht. Das hat einige Lobbyisten dennoch nicht davon abgeschreckt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, um Stimmung gegen den Prozess zu machen. Die Milliardenstrafen gegen die Tabakindustrie seien etwa nicht ausschließlich in der Gesundheitsvorsorge gelandet. Andere Zeit. Anderer Kontext. Der Vergleich hinkt gewaltig.

Was Anklage, Meta und ein Jurist sagen

  • Megan O’Neill, stellvertretende Generalstaatsanwältin von Kalifornien, in ihrem Eröffnungsplädoyer: „Metas Geschäftsmodell lässt sich auf vier einfache Punkte reduzieren: Nutzer an sich binden, sie so lange wie möglich halten, ihre Daten abschöpfen und dann die Wahrheit vor der Öffentlichkeit verbergen.“ Das Unternehmen habe zudem nicht nur Kinder gezielt süchtig gemacht, sondern ausgenutzt, „wie deren Gehirne funktionieren“.
  • Meta-Sprecherin Liza Crenshaw in einer Stellungnahme: „Die Generalstaatsanwälte legen keinerlei Beweise dafür vor, dass jemand in ihren Bundesstaaten irregeführt wurde, behaupten, harmlose Funktionen wie das Führen eines zusätzlichen Instagram-Kontos hätten ihren Einwohnern irgendwie geschadet, und versuchen, Meta für branchenweite Herausforderungen zu bestrafen. Anstatt sich an die Fakten oder das Gesetz zu halten, haben sich die Bundesstaaten stattdessen entschlossen, eine absurde Entschädigungszahlung einzufordern.“
  • US-Juraprofessor Eric Goldman gegenüber ZDFheute: „Es ist unmöglich, den Ausgang dieses Prozesses vorherzusagen.“ Eine häufig kolportierte Strafzahlung in Höhe von 1,4 Billionen US-Dollar hält er hingegen für unrealistisch, da die Summe zu nah am Börsenwert Metas liege. Das suggeriere, dass Meta genauso viel Schaden anrichte, wie es Wert schaffe: „Das ist eine zutiefst problematische Auffassung, weil sie den erheblichen Nutzen unterschätzt, den Meta für viele Nutzer schafft.“

Prozessausgang offen: Mögliche Szenerien

Am 18. August 2026 gestartet, soll der Mammutprozess gegen Meta Schätzungen zufolge rund sieben Wochen laufen. Der Ausgang: völlig offen. Für Meta steht dennoch einiges auf dem Spiel. Letztlich wird es aber vermutlich weniger um den großen Showdown Gut gegen Böse gehen, sondern vielmehr um die Frage, ob und an welcher Stelle das Unternehmen konkret versagt, ja gar manipuliert und rücksichtslos Risiken in Kauf genommen hat.

Zu einer oftmals kolportierten Strafe in Höhe von 1,4 Billionen US-Dollar wird es aber aller Voraussicht nach nicht kommen. Eine solche Summe würde den Prozess sogar zu einer Farce machen, da sie so dicht am Börsenwert des Unternehmens ist, dass sie politisch und juristisch kaum Stand halten würde.

Und dennoch: Vieles spricht dafür, dass Meta sich schuldig gemacht hat. Wahrscheinlich ist eine Vergleichszahlung im zweistelligen Milliardenbereich. Auch eine Anpassung bestimmter Funktionen liegt im Bereich des Möglichen. Ein Urteil könnte zudem einen Präzedenzfall für die Klagen der anderen 25 US-Bundesstaaten schaffen. Im Positiven wie im Negativen; je nach Ausgang eben.

Indes: Für Meta dürfte eine Vergleichszahlung fast schon das angestrebte Ziel sein. Gewissermaßen, um sich aus der Sache herauszukaufen. Sollte es so kommen, wäre es natürlich wichtig, dass das Geld dann bei Betroffenen und in der Gesundheitsvorsorge landet.

Sollte das Gericht derweil feststellen, dass bestimmte Mechanismen von Instagram und Facebook gezielt auf die Bindung und das Suchtverhalten junger Nutzer ausgelegt wurden, dürfte Meta diese Praxis kaum einfach fortsetzen können. Ein solcher Richterspruch würde nicht nur das Geschäftsmodell des Unternehmens gehörig ins Wanken bringen, sondern durch Anpassung von Funktionen Kinder und Jugendliche hoffentlich ein Stück weit besser schützen.

Nur mit dem Finger auf Meta zu zeigen, wäre aber zu einfach. Denn letztlich stehen auch stets Bildungseinrichtungen und Erziehungsberechtigte in der Pflicht, aufzuklären und Heranwachsenden eine bestmögliche Schutzumgebung vor den ohnehin schon ekelhaften Praktiken der Social-Media-Konzerne zu ermöglichen.

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Einfach nur nutzlos: Anthropic verwässert seine KI durch Wasserzeichen

19. August 2026 um 11:00

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Anthropic Claude KI Wasserzeichen Künstliche Intelligenz

Seit Anfang August verpasst Anthropic Texten seines Chatbots Claude ein unsichtbares Wasserzeichen und verkauft das als Durchbruch für mehr Transparenz. Die Realität sieht anders aus: Das Wasserzeichen kann nicht zwischen „geschrieben“ und „überarbeitet“ unterscheiden, verwässert bei kleinsten Änderungen und produziert eine Scheinsicherheit, die gefährlicher sein könnte als gar keine Kennzeichnung. Eine kommentierende Analyse.

Wie das KI-Wasserzeichen von Anthropic funktioniert

  • Seit dem 2. August 2026 markiert Anthropic KI-generierte Inhalte seines Chatbots Claude mit einem Wasserzeichen und sogenannten C2PA-Metadaten. Mittlerweile hat das Unternehmen einen umfangreichen Beitrag zur Funktion seiner KI-Kennzeichnung nachgereicht – auch, weil es einige Kritik gab. Demnach geht es bei dem Wasserzeichen nicht um unsichtbare, nicht druckbare Unicode-Zeichen, die im Text versteckt werden. Vielmehr handelt es sich um eine Form der Steganografie, bei der die Wortwahl oder Token-Ausgaben des Chatbots gewisse Fingerabdrücke hinterlassen, die später mit einem Schlüssel erkannt werden können sollen.
  • Laut Anthropic soll sich das Wasserzeichen, je länger ein Text ist, zuverlässiger nachweisen lassen. Der Grund: Bei kürzeren Texten oder Inhalten gibt es weniger Wortalternativen und damit auch weniger Spielraum, um gewisse Muster zur späteren Erkennung einzubinden. Offiziellen Angaben zufolge soll das Wasserzeichen keine personenbezogenen Daten enthalten und keine Rückschlüsse auf Nutzer oder Chats zulassen. Die Leistung und Kosten für Claude würden nicht unter der Kennzeichnungsfunktion leiden, da keine zusätzlichen Token erzeugt werden müssten. Anthropic arbeitet aktuell noch an einer Schnittstelle zur Überprüfung der Wasserzeichen.
  • Hintergrund für den Vorstoß von Anthropic sind neue KI-Richtlinien der EU, die das Unternehmen auf freiwilliger Basis unterschrieben hat. Unternehmen müssen demnach Deepfakes – also KI-generierte oder -bearbeitete Bilder, Videos oder Audios, die realen Personen, Orten oder Ereignissen ähneln – eindeutig markieren. Gleiches gilt für KI-Texte, die die Öffentlichkeit zu Themen von allgemeinem Interesse informieren. Alle neuen Anthropic-Modelle in der EU unterstützen ab sofort KI-Wasserzeichen. Ältere Versionen fallen in eine Übergangsfrist und sollen entsprechend nachgerüstet werden.

Anthropic-Wasserzeichen erzeugt nur Scheinsicherheit

Bei KI-Bildern und -Videos sind mehr oder weniger unsichtbare Wasserzeichen längst gang und gäbe. Bei Texten musste man sich bislang auf sein Bauchgefühl oder bestimmte Erkennungstools verlassen, die nach statistischen Auffälligkeiten suchen. Doch je besser Sprachmodelle werden, desto schwieriger wird es auch, bestimmte KI-Merkmale zuverlässig zu erkennen und von menschlichen Texten zu unterscheiden – zumal Vorverurteilungen aufgrund fälschlicher Verdachtsmomente keine Seltenheit sind.

Im ersten Moment erscheint Anthropics KI-Wasserzeichen deshalb verlockend. Fake-Bewertungen, Social-Media-Bots oder Desinformationskampagnen könnten einfacher enttarnt werden. Das Problem: Fehlinterpretationen sind vorprogrammiert – etwa wenn ein menschlicher Text mit Claude übersetzt, überarbeitet oder nur sprachlich verbessert wurde.

Die technische Umsetzung wirft zudem Fragen auf. Denn: Es wird nicht irgendwo ein verstecktes Zeichen eingebaut, sondern die statistische Auswahl der Token wird beeinflusst, was sich zwangsläufig auch auf die Qualität der Inhalte auswirkt – wenn auch nur marginal.

Indes: Auf Papier ist ein Wasserzeichen an ein Medium gebunden. Bei Bildern und Videos auch, nämlich an eine Datei. Digitaler Text hingegen ist Copy and Paste und damit an praktisch nichts gebunden, außer eben an Buchstaben und Wörter. Daraus zuverlässig gewisse Muster abzuleiten, erscheint mir irrsinnig.

Das ist offenbar auch Anthropic klar. In seinen FAQ gibt das Unternehmen das Problem unverblümt zu. Dort heißt es, dass das Wasserzeichen nur bestimmen kann, dass Claude wahrscheinlich irgendwie mit einem Inhalt zu tun hatte. Es könne aber nicht zwischen „geschrieben“ und „überarbeitet“ unterscheiden. Will heißen: Kann funktionieren. Kann es aber auch nicht. Manchmal. Vielleicht.

Versteht mich nicht falsch: Die grundsätzliche Idee eines solchen Wasserzeichens ist gut. Die Umsetzung und vor allem die Vermarktung sind aber eine Katastrophe. Zumal das Wasserzeichen von Anthropic eher für Verwirrung denn Transparenz sorgt. Etwa dann, wenn die Funktion Texte für sich vereinnahmt, die gar keine KI-Inhalte sind. Anstelle dieses Wirrwarrs hätte Anthropic die EU auch einfach fragen können, wie man die Anforderungen umsetzen soll, wenn man es schon selbst nicht kann.

Stimmen

  • Anthropic erklärt sein KI-Wasserzeichen in einer Mitteilung wie folgt: „Wenn ein unterstütztes Claude-Modell Text generiert, fügt es ein nicht wahrnehmbares Wasserzeichen direkt in den Text selbst ein. Sie können es nicht sehen, und es verändert weder die Bedeutung noch die Qualität noch die Lesbarkeit der Antwort von Claude. Da das Wasserzeichen Teil des Textes ist, wird es beim Kopieren und Einfügen an anderer Stelle mit dem Text mitgenommen und bleibt möglicherweise auch bei einigen Bearbeitungsschritten erhalten. Das Einfügen des Wasserzeichens erfolgt auf Modellebene, was bedeutet, dass es unabhängig davon vorhanden ist, aus welchem Claude-Produkt oder welcher Oberfläche der Text stammt.“
  • Alex Cui, Kopf hinter der KI-Erkennungssoftware GPTZero, gibt in einem Beitrag auf X (ehemals Twitter) zu bedenken: „Claudes Wasserzeichen funktioniert wahrscheinlich nicht so, wie du denkst. (…) Insgesamt glaube ich, dass sich Nutzer von wegweisenden LLMs nicht wirklich darum kümmern werden, denn 1) merken sie gar nicht, dass Wasserzeichen vorhanden sind, 2) wird die EU alle zur Einhaltung zwingen, 3) scheint dies eher eine regulatorische Hürde zu sein als ein ernsthaftes Bestreben der Pionierlabore, die Nutzung von LLMs offenzulegen. Schließlich sollte die größte Sorge der Menschen nicht die Wasserzeichen sein, sondern KI-Detektoren! Wenn man schreibt: ‚Es ist nicht X, es ist Y!!‘, glaube ich nicht, dass das Wasserzeichen da einen Unterschied machen wird.“
  • Tech-Blogger John Gruber, Erfinder der Formatierungssprache Markdown, kritisiert Anthropic in einem Beitrag scharf: „Sie sagen ‚unmerkbar‘ und ‚verändert weder die Bedeutung, noch die Qualität noch die Lesbarkeit‘. Das sind ihre Worte. Nicht ‚fast unmerkbar‘. Nicht ‚verändert die Bedeutung, Qualität oder Lesbarkeit nur geringfügig‘. Das leuchtete mir ein, denn genau das ist es, was ich von allen Tools, die ich persönlich nutze, erwarte – nein, sogar fordere. Es ist inakzeptabel, dass ein Tool auch nur ein Jota an Klarheit, Kohärenz, Bedeutung, Qualität usw. opfert, um versteckte Hinweise in den Text einzubetten, die auf dessen Herkunft hindeuten. Das ist es, was ich fordern würde und auch fordern werde. Und das (ursprüngliche) Support-Dokument von Anthropic behauptet unmissverständlich, dass genau das durch ihr System ermöglicht wird. Wenn das also wahr wäre, sähe ich keine andere Möglichkeit, als unsichtbare Zeichen im Text zu verstecken.“

Welche Probleme auf Claude-Nutzer zukommen

Für Nutzer könnte das Anthropic-Wasserzeichen vor allem dann zu einem Problem werden, wenn aus einer kleinen Hilfestellung plötzlich ein vermeintlicher Beweis für den Einsatz künstlicher Intelligenz wird. Denn: Wer einen selbst geschriebenen Text von Claude überarbeiten lässt, muss künftig womöglich mit dem Risiko leben, dass er als KI-Inhalt degradiert wird.

Auch Übersetzungen sind ein Minenfeld. Der AI Act sieht zwar Ausnahmen für Standardbearbeitungen und nicht wesentliche Veränderungen vor. Aber wo genau wesentliche Veränderungen beginnen und wo marginale Anpassungen aufhören, dürfte im Zweifel ebenso schwer zu beantworten sein wie die Frage, ob Claude das überhaupt zuverlässig unterscheiden kann.

Damit könnte das Wasserzeichen sogar ein zusätzliches Hemmnis sein. Außerdem produziert es vermeintliche Sicherheit, die unsicherer sein könnte als völlige Ahnungslosigkeit – etwa bei Überinterpretationen. Zumal die Grenzen zwischen menschlichen und künstlich generierten Texten ohnehin längst verschwommen sind.

Letztlich erweist Anthropic also weder sich selbst noch der EU und noch weniger seinen Nutzern einen Dienst, sondern bindet sich selbst einen Bären auf, wenn der Glaube suggeriert wird, dass sich KI-Inhalte anhand von Wortmustern von menschlichen Inhalten unterscheiden ließen.

Und selbst wenn das Wasserzeichen tatsächlich identifizierbar wird, wobei es eine solche Schnittstelle noch gar nicht gibt, dürfte das Katz-und-Maus-Spiel erst beginnen. Texte könnten etwa im Nachhinein verändert werden, sodass das Wasserzeichen verwässert wird. Vermutlich wird es sogar Tools geben, die versprechen, es zu eliminieren.

Oder kurzum: Besonders aufschlussreich ist das Wasserzeichen von Anthropic nicht. Es stiftet vielmehr Verwirrung und wird als etwas verkauft, das es nicht halten kann. Oder noch kürzer: Es ist nutzlos!

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Bücherverscannung: Mysteriöse KI-Bestellungen privatisieren Wissen

18. August 2026 um 11:00

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Bücher Bestellungen KI Künstliche Intelligenz Anthropic Antiquariate

KI-Konzerne wie Anthropic kaufen über Zwischenhändler massenhaft Bücher aus Antiquariaten auf. Allein in Deutschland sind es schätzungsweise 700.000 Titel. Die Werke werden eingescannt, als Trainingsdaten für Chatbots genutzt und dann teilweise entsorgt. Was wie eine Bücherverbrennung 2.0 anmutet, offenbart ein neues Problem: Wer kontrolliert künftig den Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit? Eine kommentierende Analyse.

Wie die KI-Konzerne an hunderttausende Bücher kommen

  • Am 27. Januar 2026 berichtete die Washington Post unter Berufung auf Gerichtsunterlagen erstmals, dass große KI-Anbieter massenhaft Bücher kaufen würden, um ihre Sprachmodelle damit zu füttern und zu trainieren. Anthropic soll unter dem Namen Project Panama seit 2024 etwa Millionen Bücher erworben, eingescannt und seinem Chatbot Claude einverleibt haben. Ein Großteil der Dokumente kam erst Anfang 2026 ans Licht. Anthropic hatte sich im Rahmen eines Rechtsstreits, den zahlreiche Buchautoren angestrengt hatten, bereit erklärt, 1,5 Milliarden US-Dollar zur Beilegung zu zahlen. Der zuständige Bezirksrichter entschied zudem, dass das Unternehmen über 4.000 Dokumente veröffentlichen muss.
  • Nachdem Project Panama publik wurde, häuften sich nach und nach Berichte von Antiquariaten über ungewöhnliche Bestellungen. Betroffen sind unter anderem auch Buchhändler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie der Verband der deutschen Antiquare berichtet, soll es sich um Massenbestellungen in Höhe von 10.000 bis zu 50.000 Euro gehandelt haben. Viele Händler waren zunächst skeptisch. Doch bei der Abwicklung soll alles ordnungsgemäß gelaufen sein. Bezahlt wurde etwa über die Plattform AbeBooks, auf der Händler ihre Bücher anbieten können.
  • Seit April 2026 sind vor allem in Deutschland immer mehr nächtliche Massenbestellungen bei Antiquariaten eingegangen. Das Muster scheint meist dasselbe zu sein. Pro Händler werden hunderte Bücher bestellt – pro Titel immer ein Exemplar. Meistens soll es sich um Sachbücherbestellungen des kanadischen Unternehmens Zoom Books handeln, das sich selbst als Buch-Recycler bezeichnet. Geliefert wurde an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Die Vermutung: Von dort gehen die Bücher in die USA, um den Informationshunger der KI-Branche zu stillen. Schätzungen zufolge handelt es sich allein in Deutschland um etwa 700.000 Titel. Pikant: Einige berichten sogar, dass die meisten Bücher nach dem Einscannen entsorgt werden.

Bücherverbrennung 2.0? Warum der Vergleich hinkt

Nicht nur Anthropic, sondern auch Google, Meta und OpenAI haben ein Interesse an dem Stoff, der seit Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zwischen zwei Buchdeckeln steht. Für Antiquariate mag das zunächst ein unverhofftes und durchaus lukratives Geschäft sein. Doch aus alten Wälzern im Regal ist mittlerweile ein begehrter Datenschatz geworden, der Rohstoff für die KI-Industrie ist.

Der Grund: Das Wissen im Netz ist nicht unendlich. Vieles wurde bereits ausgeschöpft, anderes ist gar nicht digital verfügbar. In alten Büchern schlummert aber noch immer ein gewaltiger Wissensspeicher aus historischen Erkenntnissen, wissenschaftlichen Arbeiten, vergessenen Perspektiven und jahrzehntealten Debatten. Das Problem dabei ist aber nicht nur, dass Bücher für KI digitalisiert werden.

Der Hype um eine vermeintlich neue Bücherverbrennung führt vielmehr in eine falsche Richtung. Oder: Eine Bücherverbrennung 2.0 findet, da es sich allenfalls um einzelne Exemplare handelt, nicht statt. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn aus dem kulturellen Gedächtnis ein Rohstofflager wird, das wenige Unternehmen nach Belieben ausbeuten.

Auch rechtlich ist die Sache komplizierter, als es die Debatte vermuten lässt. Das Urheberrecht schützt schließlich nicht das Papier, sondern das geistige Eigentum dahinter – also unter anderem Ideen, Argumente, Methodik, Struktur und die konkrete Verschriftlichung. Das Scannen von Büchern für das KI-Training ist in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen zudem zulässig, etwa wenn das Werk rechtmäßig erworben wurde, nur der Erhebung von Daten dient und nicht vervielfältigt wird.

Eine Vergütung der Urheber ist aber nicht vorgesehen. Spätestens bei der Frage, ob die Trainingskopien nach ihrer Nutzung tatsächlich gelöscht werden oder für die nächste Modellgeneration weiterleben, steht hinter einer rechtlichen Grauzone aber ein fettes Fragezeichen. Hinzu kommt: Werden die Daten in den USA verarbeitet, gilt das dortige Recht, das den KI-Anbietern weitreichende Befugnisse einräumt.

Stimmen

  • Markus Brandis, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Antiquare e.V. (VDA), in einem Memorandum: Ihm sind „zahlreiche Fälle bekannt. (…) Die aktuellen Berichte sind also stimmig, auch, dass die Namen Zoom Books und Project Panama dahinterstehen. (…) Noch sollten wir allerdings nicht im eigentlichen Wortsinn von ‚Künstlicher Intelligenz‘ sprechen, es handelt sich noch um ‚Maschinelles Lernen‘, d. h. dass die Maschinen alles vom Menschen einst Erfahrene, Erlernte, Erforschte und ErfundenE übernehmen. Und hier genau kommen die Firmen mit den Masseneinkäufen der Bücher ins Spiel. Die CEOs (noch sind es Menschen) der Firmen haben begriffen, dass das gesamte Menschheitswissen in den Büchern liegt, über Jahrhunderte in Büchern konserviert und durch Bücher – erst per Abschrift, dann per Druck – tradiert wurde.“
  • Rolf Brehmer, der ein Kunstantiquariat in München führt, erhielt im Mai und Juni 2026 jeweils eine Bestellung des kanadischen Unternehmens Zoom Books über die Amazon-Tochter AbeBooks. Auf die Frage, ob KI-Firmen die Antiquariate ausrauben würden, sagte er gegenüber der Süddeutschen: „Das ist völliger Unsinn. Denn letztendlich wird von einem Titel immer nur ein Exemplar gekauft (…). Insofern ist es im Grunde keine Vernichtung von Wissen oder Kulturgut, zumindest, was den haptischen Besitz betrifft, sondern ein Zusammenraffen aller Themen, jeweils mithilfe eines einzigen Exemplars. (…) Ich sehe in dieser Aktion, wie in vielen anderen Datensammlungen, die Gefahr, dass irgendwann ein Konzern oder eine Regierung einer schon stark digital gesteuerten Bevölkerung die geistigen Aktivitäten im Bereich Literatur und Zeitgeschichte vorgibt und damit die kulturelle und emotionale Entwicklung beeinflusst – bis hin zur monopolisierten Meinungssteuerung.“
  • Und was sagen die KI-Unternehmen? Anthropic teilte auf eine Anfrage hin mit: „Claude wird auf einer Mischung von öffentlich zugänglichen Web-Daten, kommerziell erworbenen Datensätzen und selbst generierten Daten trainiert. Bei keinem unserer Programme zum Datenankauf werden seltene oder antiquarische Bücher zerstört.“ Von Google hieß es: „Wir respektieren das Urheberrecht, arbeiten in Partnerschaft mit anderen und geben Verlagen die Kontrolle darüber, wie ihre Inhalte verwendet werden.“ Mit dem Projekt Google Books habe das Unternehmen „Hunderten von Bibliotheken weltweit geholfen, gemeinfreie Werke für zukünftige Generationen zu digitalisieren – und dabei die physischen Exemplare unversehrt zurückgegeben“. Eine öffentliche Stellungnahme von OpenAI gibt es bisher nicht.

Droht eine Privatisierung des Menschheitswissens?

Selbst wenn die KI-Anbieter sämtliche rechtlichen Vorgaben einhalten würden, bleibt ein Problem, das noch viel größer sein könnte als die Frage nach Millionen gescannten Büchern. Denn: Wer entscheidet, welches Wissen die Gesellschaft zu sehen bekommt? Big Tech bestimmt etwa heute schon über Suchmaschinen und Plattformen mit, welche Informationen prominent auftauchen und welche irgendwo im digitalen Nirvana verschwinden.

Bei Chatbots könnte dieser Einfluss noch unmittelbarer werden. Die Gefahren wären im schlimmsten Fall einseitige, unvollständige oder unkritische Informationen. Denn ein KI-Modell kann nicht nur Wissen zugänglich machen, sondern durch Auswahl und Gewichtung auch die Wahrnehmung prägen. Oder: manipulieren!

Wenn Google, Anthropic und Co. ihren Chatbots diverse Online-Artikel oder Bücher einverleiben, ihre Modelle damit trainieren und geistiges Eigentum ohne Nachfrage oder Vergütung vervielfältigen, entsteht ein ziemlich einseitiger Deal. Oder: Die einen liefern den geistigen Rohstoff, ohne davon zu profitieren, und die anderen bauen daraus KI-Modelle, um Geld zu scheffeln.

Klar: Eine Digitalisierung von altem Wissen und Informationen ist zunächst einmal toll. Doch nicht einzelne Unternehmen sollten die Macht darüber haben, was davon zugänglich gemacht wird und was nicht. Und vor allem: Sie sollten es nicht ohne Absprache tun.

Sonst könnte aus der Digitalisierung des Menschheitswissens am Ende eine Privatisierung des Zugangs dazu werden. Und aus dem Versprechen, Wissen für alle verfügbar zu machen, ein System, in dem einige wenige Konzerne zum Wächter des kollektiven Gedächtnisses werden.

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Klicks statt Klima: Wie Medien und Algorithmen unsere Zukunft verzocken

17. August 2026 um 11:00

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Soziale Medien sollten die Klimadebatte demokratisieren. Eine neue Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster zeigt: Das Gegenteil ist passiert. Klimaskeptiker gewinnen überproportional an Sichtbarkeit, während sich der Diskurs in getrennte Plattformwelten aufspaltet. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines Systems, das Empörung belohnt und Einordnung bestraft. Eine kommentierende Analyse.

Soziale Medien halten Demokratieversprechen nicht ein

  • Laut einer Übersichtsarbeit der Universitäten Zürich und Münster haben soziale Medien die Klimakommunikation in den vergangenen 20 Jahren verändert. Das erhoffte Demokratisierungsversprechen wurde aber nur teilweise eingelöst. Dem Bericht zufolge beteiligen sich heutzutage zwar mehr Akteure am Klimadiskurs. Doch etablierte Stimmen würden weiterhin dominieren, während klimaskeptische Akteure überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. Ob Social Media das Wissen der Öffentlichkeit über Klimathemen fördert, sei derweil unklar. Wer digitale Medien nutzt, würde sein Wissen aber häufig überschätzen.
  • Für ihre Analyse werteten die Forscher internationale Forschungsliteratur zur Klimakommunikation in den sozialen Medien aus – von X über TikTok und YouTube bis hin zu regional dominanten Plattformen wie Weibo oder WeChat. Die komplette Publikation erschien im Magazin Nature Climate Change. Eines der zentralen Ergebnisse: eine zunehmende Trennlinie zwischen den Plattformen bei der Klimakommunikation. Der Grund: eine verschärfte Moderation, die Abwanderung von großen Plattformen, die Neuausrichtung von Twitter zu X, geänderte Fact-Checking-Regeln von Unternehmen wie Meta sowie der Aufstieg alternativer Plattformen.
  • Laut der österreichischen Kognitionspsychologin und Social-Media-Forscherin Hanna Metzler ist der Einfluss sozialer Medien auf unsere Wahrnehmung komplexer als viele denken. Extreme Meinungen seien etwa überpräsentiert und würden den Eindruck gesellschaftlicher Spaltung entstehen lassen, obwohl es abseits digitaler Plattformen oft mehr Übereinstimmung gibt. Zudem sind Nutzer laut Metzler weniger leicht manipulierbar als oftmals angenommen. Falschinformationen seien wiederum ein Symptom für tieferliegende soziale Probleme, die es zu lösen gilt. Filterblasen würden auch im realen Leben existieren. Social Media eröffne lediglich mehr Berührungspunkte mit anderen Positionen. Um Glaubwürdigkeit zu schaffen, brauche es derweil Vertrauen und Transparenz – vor allem von Institutionen, Medien und politischen Akteuren.

Wie (soziale) Medien die Klimadebatte lenken

Die Hoffnung war groß, als die sozialen Netzwerke vor fast 20 Jahren nach und nach das Licht der Welt erblickten. Sie versprachen mehr Austausch, mehr Demokratie und mehr Zugang zu Wissen – nicht nur rund um den Klimawandel. Niedrige Zugangshürden, ein direkterer Draht zur Wissenschaft und mehr Raum für die Zivilgesellschaft schienen zunächst gute Voraussetzungen für einen offeneren Austausch zu sein.

Mittlerweile scheint der soziale Aspekt sogenannter sozialer Medien aber zunehmend unter die Räder zu geraten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ausgerechnet bei einem so hochsensiblen Thema wie dem Klima scheint das Demokratieversprechen der digitalen Medien aber zu bröckeln.

Will heißen: Schwarz-Weiß-Denken ersetzt Zwischentöne; der Diskurs verroht. Dabei liegt das nicht einmal ausschließlich an der breiten Nutzerbasis. Denn Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit entsteht nun einmal leichter durch Empörung als durch eine nüchterne Einordnung wissenschaftlicher Zusammenhänge.

Oder: Wo Moderation von Inhalten nicht ausreichend gegeben ist oder bewusst zurückgefahren wird, bekommt der lauteste Beitrag schnell mehr Gewicht als der vernünftigste. Das ist besonders beim Klimawandel fatal. Doch eine komplexe, langfristige Krise passt denkbar schlecht in ein System, das auf kurze Reize und schnelle Reaktionen getrimmt ist.

Klar: Social Media ist ein Sammelbecken aus Hass, Hetze und Falschinformationen. Es wäre aber zu bequem, alle Nutzer über einen Kamm zu scheren, Kompetenzen zu unterschätzen oder allein auf die sozialen Medien zu zeigen. Auch der klassische Journalismus muss sich etwa fragen, warum er sich so oft dem gleichen Takt aus Klicks und Aufregung unterwirft. Oder: Wer ständig nur die nächste Stichflamme sucht, wird dem Klimawandel als Dauerkrise kaum gerecht.

Stimmen

  • Julia Metag vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und Co-Autorin des Beitrags in einem Statement: „Vermutlich werden Spaltungen künftig weniger innerhalb von Plattformen als zwischen ihnen auftreten. Nutzende bewegen sich dann in getrennten, homogeneren Plattformwelten, in denen ihnen abweichende Sichtweisen weniger begegnen. (…) Die Wirkung von sozialen Medien hängt von unterschiedlichen Logiken der Plattformen, Regulierungen, Mediensystemen und soziopolitischen Kontexten ab. Was auf X in den USA zu beobachten ist, sagt wenig darüber aus, was auf Weibo in China geschieht.“
  • Mitautor Mike S. Schäfer vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (UZH) ergänzte: „Über die Zeit zeigte sich jedoch, dass etablierte Akteure – darunter politische Akteure, staatliche Stellen und klassische Medien – die öffentliche Klimadebatte nach wie vor stark prägen und teilweise dominieren. Unter den nicht-etablierten Stimmen sind es zudem häufig die skeptischen, die überproportional an Sichtbarkeit gewinnen. (…) Das schwächt den Journalismus in seiner Rolle als Wissensvermittler – auch beim Thema Klima. Besonders betroffen sind davon Mediensysteme mit schwachem öffentlichem Rundfunk und Regionen, in denen unabhängiger Klimajournalismus ohnehin fragil ist.“
  • Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, sieht auch die klassischen Medien in der Pflicht. Gegenüber Deutschlandfunk sagte er 2021: „Sie können am Beispiel der Klimaberichterstattung Probleme des politischen Journalismus, das Ausgebranntsein des politischen Journalismus, das Antivisionäre, das klickzahlgetriebene, das Stichflammenartige ganz wie unter einem Brennglas studieren. Also der Neuigkeitswert-Fetisch, die Orientierung am Hype, die Verherrlichung der Exklusivität, der Geschwindigkeitsrausch, das Interesse an banalen Machtkämpfen und die klammheimliche Verehrung, der klammheimliche Pakt mit Provokateuren ganz unterschiedlicher Couleur – all das können Sie sehen, all das trägt bei zu einer Atmosphäre der radikalen Gegenwartsfixierung, zu einer Atmosphäre des totalen Jetzt, so könnte man sagen. Und dieses geistige Klima steht vollkommen im Widerspruch zu dem Krisen- und Katastrophen-Typus des Klimawandels.“

Wie sieht die Zukunft der Klimakommunikation aus?

Vielleicht beginnt die Zukunft der Klimakommunikation außerhalb der sozialen Medien. Immer mehr Menschen kehren den Plattformen etwa den Rücken und haben keinen Bock mehr auf Social Media. Denn: Viele empfinden ständige Reize, Streit, Empörung und die nächste Push-Nachricht zunehmend als Belastung. Das ist in erster Linie für die Plattformen ein Problem. Für die Klimakommunikation muss es das aber keineswegs sein.

Social Media bleibt aber dennoch Fluch und Segen zugleich. Einerseits können soziale Netzwerke Klimawissen niedrigschwellig zugänglich machen, Wissenschaftler direkt mit der Öffentlichkeit verbinden und Stimmen zu Wort kommen lassen, die im klassischen Mediensystem kaum Gehör finden. Andererseits kann genau diese Offenheit zu einem Problem werden, wenn sich die Debatte immer stärker in getrennte Meinungskorridore aufteilt.

Würden soziale Netzwerke ihre gesellschaftliche Funktion ernst nehmen, müssten sie sich verändern. Algorithmen dürften nicht länger so funktionieren, dass ausgerechnet Empörung und Polarisierung mit Reichweite belohnt werden. Außerdem bräuchte es eine funktionierende Moderation, ohne dabei jede unbequeme oder unpopuläre Meinung aus dem Diskurs zu verbannen. Die Kunst könnte darin liegen, mehr Streit auszuhalten, ohne mehr Streit zu entfachen.

Denn auch das Aushalten anderer Meinungen gehört zum Diskurs. Auch der Journalismus müsste raus aus dem Reflex, jede Entwicklung zur nächsten großen Aufregung hochzuschreiben und vor allem Klicks hinterherzulaufen. Denn: Artikel und Medien nehmen in den sozialen Medien eine große Rolle ein.

Vor allem beim Klimawandel braucht es aber weniger digitales Feuer, sondern mehr Ausdauer. Es braucht mehr Erklärungen, Zusammenhänge und Einordnungen. Denn wenn am Ende alle immer nur lauter werden, aber niemand mehr zuhört, ist auch die beste Klimabotschaft oder -kritik für die Tonne.

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Podcast: Spannerbrille von Meta in Deutschland auf dem Prüfstand

14. August 2026 um 07:10

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BREAK THE WEEK Podcast

BREAK/THE WEEK ist dein wöchentlicher Tech-Talk von BASIC thinking, der dich hinter die Kulissen der Tech-Welt nimmt. In dieser Ausgabe diskutieren wir über den Datenschutz-Albtraum Kamerabrille, ein E-Auto fast komplett aus Solarzellen und den Einsatz von KI bei Asylverfahren. 

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Die Themen dieser Ausgabe:

  • KI-Brille des KIT unterstützt Menschen mit Sehbehinderung im Arbeitsalltag
  • Bundeskabinett beschließt KI-Einsatz in Asyl- und Aufenthaltsverfahren
  • FLAPTrack: Solaranlagen aus Graz folgen der Sonne und liefern 40 % mehr Ertrag
  • KI-Horrorfilm für 400 Euro: Indischer Regisseur veröffentlicht Experiment auf YouTube
  • Deep Orange 17: Solarauto der Clemson University erzeugt mehr Strom als es verbraucht
  • Meta Smart Glasses unter Beschuss: Bundesnetzagentur prüft Verbot in Deutschland

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Dieses Solarauto erzeugt mehr Strom, als es zum Fahren braucht

12. August 2026 um 11:00

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Solarauto BMW Deep Orange 17

Solarautos galten lange als naive Spielerei – mit zu wenig Leistung und zu viel Wunschdenken. Der Deep Orange 17 der Clemson University zeigt jetzt, dass sich das ändern könnte: mit über 1.700 Solarzellen, 550 Kilo Gewicht und bis zu 70 Kilometern Reichweite pro Tag allein durch Sonnenstrom. Das reicht locker für den deutschen Durchschnittspendler. Was das für die Entwicklung von Solarautos bedeutet. Eine kommentierende Analyse.

Was der Deep Orange 17 anders macht als bisherige Solarautos

  • Solarautos wandeln Sonnenenergie in elektrischen Strom um. Die Zellen sind beispielsweise auf dem Autodach oder der Motorhaube verbaut. Der gewonnene Strom kann beim Fahren direkt an den E-Motor weitergeleitet oder beim Parken in der Batterie gespeichert werden. Bislang haben sich viele Hersteller an Solarautos versucht – und sind gescheitert. Aktuell versuchen es unter anderem Nissan und Aptera. Größte Herausforderung: Solarzellen haben einen begrenzten Wirkungsgrad. Nur rund 20 Prozent der eintreffenden Sonnenenergie können in Strom umgewandelt werden.
  • Die US-amerikanische Clemson University hat mit dem Deep Orange 17 nun einen Prototyp vorgestellt, dessen Karosserie fast komplett aus Solarmodulen besteht. Er soll im Alltag mehr Solarstrom erzeugen, als er zum Fahren braucht. Dazu wurden über 1.700 Solarzellen montiert, die pro Tag Energie für bis zu 70 Kilometer Reichweite liefern. Denn: Das Solarauto soll nach 20 gefahrenen Kilometern genügend überschüssige Energie erzeugt haben, um 50 weitere Kilometer zu fahren. Wetter und Parkplatz entscheiden aber mit. Der Deep Orange 17 wiegt gerade einmal 550 Kilogramm. Hinter dem Projekt stecken Masterstudierende der Clemson University, die das Fahrzeug gemeinsam mit Ingenieuren von BMW entwickelt haben. Bei dem Solarauto handelt es sich um ein reines Forschungsfahrzeug.
  • Laut Allianz Direct legen Pendler in Deutschland im Schnitt rund 18 Kilometer pro Tag zurück. Mit dem Deep Orange 17 wäre das problemlos möglich. Aber auch Solarzellen auf klassischen E-Autos könnten einen Teil der täglichen Reichweite leisten und obendrein die Stromnetze entlasten, indem Fahrzeuge weniger an Ladesäulen hängen. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein Forschungskonsortium, an dem unter anderem das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE beteiligt ist. Vor allem auf E-Lkw und Anhängern sei der Einsatz von Solarmodulen aufgrund der großen Dachflächen äußerst effizient.

Alltagstauglich? Was die Zahlen wirklich bedeuten

Forschungsprojekte wie der Deep Orange 17 sind leider nicht alltagstauglich. Doch sie offenbaren das Potenzial von Solarzellen auf Elektroautos. Nicht nur, um die Reichweite zu steigern, die bei vielen Stromern mittlerweile oftmals ohnehin schon den meisten Ansprüchen genügt, sondern auch, um die Stromnetze zu entlasten.

Wie viel Strom vom Auto- oder Lkw-Dach kommt, hängt aber von Jahreszeit, Wetter und Parkplatz ab. Ein Stromer mit Solarzellen, der den ganzen Tag bei praller Sonne unter freiem Himmel steht, gewinnt natürlich viel mehr Energie als bei trübem Wetter im Herbst.

Die Zahlen des Deep Orange 17 sind deshalb etwas mit Vorsicht zu genießen. Doch sie offenbaren auch die enormen Fortschritte in der Solarbranche. Zellen werden etwa nicht nur immer effizienter, sondern mitunter auch leichter und biegsamer. Will heißen: Der Einsatz von Solarzellen auf Fahrzeugen wird attraktiver.

Das „Tanken“ von Sonnenenergie kostet zwar nichts und erhöht die Unabhängigkeit von Strompreisen, doch der Nutzen ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Darunter: Kosten, Wetter, Gewicht und zusätzliche Elektronik. Oder kurzum: Die Solarenergie allein reicht für den Betrieb eines Elektroautos nicht aus. Und dennoch gewinnt sie im Fahrzeugbereich zunehmend an Bedeutung.

Stimmen

  • Stephan Augustin, Projektleiter für Forschung und neue Technologien bei BMW, in einem Statement zum Deep Orange 17: „Das ist ein Projekt, das wir schon seit Jahren umsetzen wollten. Es ist daher unglaublich befriedigend zu sehen, wie diese Gruppe von Studenten in den letzten zwei Jahren zusammengearbeitet, so viele technische Herausforderungen und Einschränkungen gemeistert und ein energiepositives Fahrzeug zum Leben erweckt hat.“
  • Der sogenannte Autopapst Ferdinand Dudenhöffer bescheinigte Solarautos sowie den ambitionierten Plänen vieler Hersteller bereits 2019 keine rosige Zukunft: „Die Sonnenenergie, die für einen alltagstauglichen Betrieb eines Elektroautos notwendig ist, finden Sie allenfalls in der Sahara. (…) Die Solarpanels führen vielleicht dazu, dass man zehn Minuten weniger an der Ladestation warten muss. Aber ob ein solches Auto in Serie geht, bleibt höchst fraglich. (…) Den Traum des Perpetuum mobile hat die Menschheit schon lange. Aber nach meiner Einschätzung wird die Reichweite zu gering sein.“
  • Ein Forschungskonsortium plädiert für den Einsatz von Solarmodulen auf E-Fahrzeugen, um die Netzbelastung zu senken. Christian Braun, Projektmitarbeiter und Wissenschaftler am Fraunhofer ISE, in einem Statement: „Die Studie analysierte Daten von 23 unterschiedlichen Fahrzeugtypen – von Stadtautos bis hin zu Lastkraftwagen – und kombinierte detaillierte Fahrzeug- und Fahrprofile mit Meteosat-Satellitendaten, sowie meteorologischen Daten aus Amsterdam und Madrid.“ Ergebnis: „Elektrifizierung allein reicht nicht aus. Wir brauchen Innovationen, die den Energiebedarf strukturell senken. Vehicle Integrated Photovoltaics leistet genau hier einen Beitrag“, so Lenneke Slooff-Hoek, Projektmanagerin des Projekts SolarMoves.

Wann profitieren normale E-Autos von Solarzellen?

Bisher hat sich kaum einer der großen Autohersteller an Solarautos gewagt. Der Grund: Die Technologie ist noch nicht weit genug, um für potenzielle Kunden attraktiv zu sein. Für E-Autofahrer bleibt das rein solarbetriebene Pendeln deshalb vorerst Zukunftsmusik.

Forschungsprojekte wie der Deep Orange 17 zeigen aber Fortschritte in der Solartechnologie, die das perspektivisch ändern könnten – zumindest in Form von Fahrzeugen, die mit Solar als Ergänzung betrieben werden.

Der Nutzen von Zusatzreichweiten durch die Sonne ist vor dem Hintergrund steigender Reichweiten bei E-Autos durch fortschrittliche Batterien aber fraglich. Der größte Vorteil könnten Einsparungen durch kostenloses „Tanken“ sein. Das kann aber auch eine Solaranlage am Eigenheim leisten. Viel spannender erscheint hingegen ein Einsatz bei Nutzfahrzeugen wie Lkw.

Denn durch große Dachflächen lässt sich eine gewisse Effizienz garantieren. Für Hersteller könnten Solarzellen auf Fahrzeugen zudem dabei helfen, ihre CO₂-Flottenvorgaben einzuhalten. Indes könnte vor allem die Entlastung der Stromnetze ein spannender Punkt werden, der bislang oftmals untergeht – vorausgesetzt genügend (Nutz-)Fahrzeuge werden künftig mit Solarzellen ausgestattet.

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Perversbrillen: Smart Glasses von Meta droht Verbot in Deutschland

11. August 2026 um 11:00

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Meta Smart Glasses Kamera-Brillen Ray Ban Verbot Deutschland KI-Brillen

Die Smart Glasses von Meta sind ein nett verpackter Datenschutz-Albtraum. Die Kamera-Brillen sehen aus wie normale Ray-Bans, können aber still und heimlich die Umgebung filmen. Aufnahmen landen zur Auswertung bei Billiglohn-Firmen in Afrika. Ein winziges LED-Lämpchen soll Meta zufolge ausreichen, um Umstehende zu warnen. Das ist so naiv wie kalkuliert. Jetzt prüft die Bundesnetzagentur, ob die Brillen in Deutschland überhaupt legal sind. Eine kommentierende Analyse.

Das können die Smart Glasses von Meta

  • Die sogenannten Smart Glasses von Meta können weitaus mehr als nur Sehschwächen ausgleichen. Die Brillen verfügen über kleine Kameras, eingebaute Lautsprecher und eine Sprachsteuerung. Heißt konkret: Nutzer können mit den Smart Glasses des Unternehmens Bilder oder Videos aufnehmen, Sprachaufnahmen machen oder sich Texte per KI aus fremden Sprachen übersetzen lassen. Gesteuert werden die Geräte per Sprache oder durch Berührung des Brillengestells.
  • Normalerweise haben die Smart Glasses von Meta ein kleines Lämpchen am oberen Brillenrand, das signalisieren soll, wann die Brillen Bilder oder Videos aufzeichnen. Ob das Leuchten dieser kleinen Lampe ausreichend erkennbar ist und ob andern Menschen dadurch überhaupt klar ist, dass gefilmt wird, ist äußerst fraglich. Pikant: Das Bildmaterial, das die KI-Brillen aufnehmen, wird nicht nur automatisiert in den USA oder Europa verarbeitet. Ein Teil der Bilder und Videos wird von Billiglohnkräften externer Unternehmen in Afrika analysiert, um die KI-Modelle von Meta zu trainieren.
  • Wie die New York Times unter Berufung auf ein internes Meta-Dokument berichtet, will das Unternehmen seine Kamera-Brillen noch in diesem Jahr mit einer Gesichtserkennungsfunktion ausstatten. Sie sollen Gesichter per Kamera erfassen und mit einer Datenbank abgleichen – entweder mit den eigenen Social-Media-Kontakten oder öffentlichen Profilen. Die Smart Glasses von Meta laufen unter den Marken Ray-Ban und Oakley. Sie sind auch in Europa erhältlich. Zuletzt präsentierte das Unternehmen eine Brille, die Informationen auf einem kleinen Display im Glas einblenden kann.

Warum Kamera-Brillen ein juristisches Problem sind

Eines der größten Probleme der Smart Glasses von Meta ist ihre Optik. Denn: Sie sehen aus wie stinknormale Brillen und nicht wie ein potenzielles Spionagegerät. Die Glasses erinnern fast schon an ein James-Bond-Gadget, nur dass die Kamera nicht in einem Kugelschreiber steckt, sondern mitten im Gesicht getragen wird.

Doch das macht die Brillen so heikel. Wer einer Kamera gegenübersteht, sollte schließlich auch wissen, dass er gerade einer Kamera gegenübersteht. In Deutschland gilt etwa grundsätzlich das Recht am eigenen Bild und das Persönlichkeitsrecht. Sprich: Wer gefilmt oder fotografiert wird, kann unter Umständen verlangen, dass die Aufnahmen gelöscht und nicht weiterverbreitet werden.

Bei besonders sensiblen Aufnahmen kann sogar ein Recht auf Schadensersatz bestehen. Das Problem: Betroffene müssen im Zweifel erst einmal beweisen, dass sie unfreiwillig aufgenommen wurden. Doch bei den Smart Glasses von Meta ist das gar nicht mal so leicht; das kleine rote Lämpchen hin oder her. Zumal sich auch das zukleben oder übermalen lässt.

Derweil häufen sich Berichte von Menschen, die gegen ihren Willen mit Kamera-Brillen gefilmt wurden. Auch der Begriff „Perversbrillen“ fällt immer öfter. In Deutschland hilft das Strafrecht ihnen aber allenfalls bedingt. Will heißen: Das Verbreiten oder Veröffentlichen solcher Aufnahmen ist zwar strafbar. Das Fotografieren oder Filmen in den meisten Fällen aber nicht – beispielsweise in der Öffentlichkeit.

Pikant wird es zudem beim Datenschutzrecht. Denn: Kameras oder Aufnahmegeräte, die als Alltagsgegenstände getarnt sind, sind eigentlich verboten. Zudem stellt sich die Frage, ob Nutzer mit den Meta-Brillen überhaupt selbst filmen können sollten. Die spannendsten Funktionen funktionieren nämlich auch ohne Aufnahmen. Theoretisch können die Brillen etwa auch Sehenswürdigkeiten erklären, Hindernisse erkennen oder sagen, wer vor einem steht, ohne dass Nutzer Aufnahmen machen. Sprich: Die Kamera könnte nur sehen, anstatt gleich alles aufzuzeichnen.

Stimmen

  • Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Thomas Fuchs, der grundsätzlich für Meta-Dienste in Deutschland zuständig ist, kritisiert gegenüber der Tagesschau: „Das LED-Signal fällt im Alltag einfach nicht genug auf. Wenn man im Park an einer Person mit Meta Glasses vorbeiläuft, kann man nicht oder zumindest nicht ohne große Anstrengung direkt sehen, dass da gefilmt wird. (…) Niemand muss hinnehmen, ohne Zustimmung gefilmt oder fotografiert zu werden. (…) Die Bundesnetzagentur hätte gute Gründe auf ihrer Seite, hier wirklich ein Verbot auszusprechen.“
  • Pikant: Meta lässt Fotos und Videos, die mithilfe seiner Ray-Ban-Kamerabrillen aufgenommen wurden, von externen Firmen in Afrika zu Hungerlöhnen und unter enormen psychischen Belastungen auswerten. Ein Mann aus Nairobi schilderte Svenska Dagbladet seine Erfahrungen: „In einigen Videos sieht man jemanden auf die Toilette gehen oder sich ausziehen. Ich glaube nicht, dass sie sich dessen bewusst sind. Man versteht, dass man in das Privatleben von jemandem hineinschaut, aber gleichzeitig wird erwartet, dass man die Arbeit erledigt. Man soll das nicht hinterfragen. Wenn man anfängt, Fragen zu stellen, ist man weg.“ Ein anderer Angestellter berichtet: „Wir sehen alles – von Wohnzimmern bis hin zu nackten Körpern. Meta hat solche Inhalte in seinen Datenbanken. Menschen können sich selbst in unvorteilhafter Weise filmen, ohne das überhaupt zu merken.“
  • Meta hat 2025 weltweit rund sieben Millionen Ray-Ban Smart Glasses verkauft. The Guardian hat mit einigen Nutzern gesprochen. Servaas aus den Niederlanden trägt seine Meta-Brille jeden Tag: „Es ist ein beeindruckendes Erlebnis. Ich liebe alles, was mit Technik zu tun hat, und das schon mein ganzes Leben lang. Ich weiß, dass Meta eure Daten liebt, [aber] ich mache mir keine Sorgen um meine Privatsphäre, da ich die Brille nur für Aufnahmen im Freien verwendet habe.“
  • Nikki aus Großbritannien ist aufgrund einer erblichen Netzhauterkrankung seit ihrer Geburt blind: „Als ich zum Dorfladen ging, hörte ich, dass vor mir etwas vor sich ging. Ich sagte: ‚Hey Meta, schau mal nach und sag mir, was vor mir ist.‘ Die Brille teilte mir mit, dass dort ein Transporter Gerüste entlud. Solche Dinge finde ich absolut erstaunlich.“ Zwar versteht sie die Datenschutzkritik, gibt aber zu bedenken: „Was ist mit Dashcams? Was ist mit Kamera-Türklingeln? Was ist mit Action-Kameras wie GoPros? Darüber beschweren sich die Leute nicht.“

Droht ein Verbot? Was Betroffene tun können

Reicht ein kaum auffälliges LED-Signal aus, damit andere Menschen erkennen können, dass sie gerade gefilmt werden? Oder braucht es bei einer Kamera, die direkt im Gesicht getragen wird, nicht eine deutlichere Warnung? Diese Fragen sind keineswegs nebensächlich, denn davon könnte abhängen, ob die Brillen in ihrer jetzigen Form überhaupt in Deutschland zulässig sind.

Damit beschäftigen sich bereits Datenschutzexperten und die Bundesnetzagentur. Sie könnten auch Gerichte auf den Plan rufen. Denn: Da man mit den Brillen Aufnahmen direkt per Sprachbefehl versenden oder in den digitalen Medien veröffentlichen kann, spricht durchaus einiges dafür, dass es sich um verbotene Telekommunikationsanlagen handelt.

Sollte diese Einschätzung bestätigt werden, wären die Folgen drastisch. Dann könnten Besitz, Herstellung und Verkauf solcher Brillen in Deutschland strafbar sein. Aus der smarten Ray-Ban würde ziemlich schnell ein juristischer Ladenhüter werden. Für Betroffene stellt sich aber schon jetzt die Frage: Was tun, wenn man tatsächlich heimlich aufgenommen wurde?

Klar ist: Niemand muss das einfach hinnehmen. Wer betroffen ist, sollte möglichst schnell Beweise wie Screenshots, Links, Nutzerprofile oder Zeitstempel sichern, die Inhalte bei der jeweiligen Plattform melden und deren Löschung verlangen. Zusätzlich kann man sich an die Datenschutzaufsicht wenden.

Letztlich zeigt die Debatte aber auch, dass Technologie der Justiz wieder einmal voraus ist. Um Menschen und Persönlichkeitsrechte zu schützen sowie einen Missbrauch von Smart Glasses vorzubeugen, braucht es deshalb schnellstmöglich rechtliche Antworten. Denn: Auch die Nutzung smarter Geräte braucht Grenzen; so nützlich sie hier und da auch sein mögen.

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Wie geht das denn? Deutschland rutscht in Digital-Ranking ab – macht aber Fortschritte

06. August 2026 um 11:00

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Digitalisierung Deutschland Vergleich Europa

Deutschland wird digitaler, aber so langsam, dass andere Länder locker vorbeiziehen. Im neuen EU-Digitalranking des Branchenverbands Bitkom rutscht die Bundesrepublik auf Platz 17 von 27 ab, obwohl sich der sogenannte DESI-Wert sogar leicht verbessert hat. Das Problem: Deutschland digitalisiert sich nicht nur zu wenig und zu langsam, sondern vor allem nicht zielgerichtet genug. Eine kommentierende Analyse.

Digitalisierung in Europa: Wo Deutschland wirklich steht

  • Laut dem neuen Digitalranking des Branchenverbands Bitkom landet Deutschland nur noch auf Platz 17 von 27 EU-Ländern. Dabei verbesserte sich die Bundesrepublik beim sogenannten DESI-Wert (Digital Economy and Society Index) 2026 im Vergleich zum Vorjahr sogar um einen Punkt auf 51,1 Punkte. Im Ranking büßt Deutschland aber drei Plätze ein. Will heißen: Es gibt zwar Fortschritte bei der Digitalisierung. Andere, vor allem kleinere Länder, haben aber stärker zugelegt.
  • Bitkom knüpft mit seinem EU-Digitalranking an den früheren DESI der Europäischen Kommission an. Seit 2023 setzt sie mit dem Digital Decade Report aber primär auf einzelne Indikatoren. Bitkom bündelt diese Daten zu einem Gesamtindex. Grundlage sind 44 Einzelindikatoren aus vier Bereichen: „Digitale Transformation von Unternehmen“, „Qualität und Nutzung digitaler Infrastruktur“, „Digitale Kompetenzen“ und „Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung“. Dänemark belegt den ersten Platz mit einem Wert von 76,4 Punkten. Am schlechtesten schneidet Rumänien mit 26,5 Punkten ab.
  • Deutsche Unternehmen schneiden im EU-Digitalranking vergleichsweise gut ab und liegen unter den fünf größten EU-Ländern vorn, fallen insgesamt aber von Platz acht auf Platz elf zurück. Die 5G-Mobilfunkabdeckung ist mit 99,5 Prozent hierzulande derweil sehr hoch. Bei der tatsächlichen Nutzung der Netzinfrastruktur landet Deutschland aber nur auf Platz 21. Gerade einmal sieben Prozent der Bevölkerung setzen auf einen schnellen Gigabit-Anschluss. Positiv entwickeln sich die digitalen Kompetenzen. Das größte Problem: Platz 22 von 27 bei der digitalen Verwaltung.

Ist Platz 17 wirklich so schlecht?

Platz 17 von 27: Das klingt zunächst einmal ernüchternd. Für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist es das auch! Indes hinkt der Vergleich mit Ländern wie Luxemburg, Estland oder Dänemark etwas. Ein großer und föderaler Flächenstaat wie Deutschland mit über 80 Millionen Einwohnern muss sich nun einmal anders digitalisieren als ein kleines und zentral organisiertes Land.

Das sind Fakten, die es zu berücksichtigen gilt – und auch ein Stück weit Erklärungen. Eine Entschuldigung sind sie aber nicht. Im Vergleich zu den anderen großen EU-Staaten steht Deutschland zwar nicht am Ende und lässt etwa Frankreich, Polen und Italien hinter sich. Aber vor allem Spanien zeigt, dass Dezentralismus und Ländergröße keine Ausrede für digitale Trägheit sind.

Sprich: Wer wirklich will, kann Verwaltungsgrenzen überwinden und aufs Tempo drücken. Doch genau daran hapert es hierzulande. Deutschland digitalisiert sich zwar, aber eher im Verwaltungsmodus statt im Innovationsmodus: Schritt für Schritt und Formular für Formular.

Das Problem: So richtig in Schwung kommt die Digitalisierung nicht. Warum? Weil es vor allem an der Umsetzung hapert; nicht einmal zwangsläufig an der Technologie. Oder: Nicht der Mangel an Visionen bremst Deutschland aus, sondern ein bürokratischer Hang, alles endlos zu verwalten.

Stimmen

  • Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbands Bitkom, zum DESI-Index 2026: „Deutschland macht Fortschritte bei der Digitalisierung, aber andere Länder sind schneller. Wer im digitalen Wettbewerb nach vorne will, muss nicht nur besser, sondern auch schneller werden. Platz 17 kann für Deutschland nicht der Anspruch sein. Hier ist die Politik in Bund und Ländern, Wirtschaft und unter anderem Bildungseinrichtungen gleichzeitig gefordert. (…) Digitalisierung darf kein Stückwerk bleiben. Deutschland braucht einen digitalen Nordstern – für mehr Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Souveränität.“
  • Die Europäische Kommission hat nur wenige Wochen vor dem Bitkom-DESI-Index 2026 ihren vierten Bericht über den Stand der sogenannten digitalen Dekade veröffentlicht. Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, dazu: „Mit dem Politikprogramm für die digitale Dekade haben wir das Fundament für den digitalen Wandel in der EU geschaffen. Diesen Weg müssen wir weitergehen, um die technologische Souveränität Europas zu erreichen. Wir haben kürzlich Maßnahmen beschlossen, um Europas Kapazitäten in den Bereichen Halbleiter, KI, Cloud und Open-Source zu stärken. Dies ist ein entscheidender Moment. Wir müssen die Chancen voll ausschöpfen, um die Autonomie und Widerstandsfähigkeit Europas zu stärken.“
  • Bundesdigitalminister Karsten Wildberger in einem Statement zu seinem Amtsantritt im Mai 2025: „Mit der Gründung des ersten deutschen Digitalministeriums sendet Deutschland ein deutliches Signal: Digitalisierung und Staatsmodernisierung genießen für diese Bundesregierung herausgehobene Priorität. Es ist mein Anspruch, dies zügig mit konkreten Maßnahmen zu belegen. Ich möchte so schnell wie möglich ins Handeln kommen und setze daher auf den Mut zu pragmatischen Lösungen und kontinuierliche Verbesserungen im Sinne der Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen. Das neue Ministerium wird Motor sein für konkrete, sichtbare Fortschritte bei der Digitalisierung und eine moderne, handlungsfähige Verwaltung.“

Warum mehr Digitalisierung allein nicht reicht

Dass Deutschland weiter digitalisiert werden muss, steht eigentlich außer Frage. Fraglich ist aber, wie die Digitalisierung endlich sinnvoller vorangehen kann. Denn Digitalisierung bedeutet nicht nur Komfort. Sie ist auch ein wichtiger und waschechter Wirtschaftsfaktor.

Sprich: Wer andauernd von Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität schwadroniert, muss Projekte und Prozesse auch optimieren. Etwa in Form von vernetzten Daten, schnelleren Genehmigungen, besseren Absprachen und weniger Bürokratie. Die größte Bremse ist meist nämlich nicht die Technik, sondern der Papierstapel daneben.

Hinzu kommt: Der Digitalausbau muss vor allem dort stattfinden, wo er am meisten gebraucht wird. Denn was bringen Gigabit-Netze, wenn kaum jemand diese nutzt? Will heißen: Mehr Digitalisierung ist nicht zwangsläufig besser. Auch mehr Tempo allein hilft nicht.

Vielmehr geht es einerseits um eine schnellere, aber andererseits auch um eine zielgerichtete und sinnvollere Digitalisierung. Oder: Was bringt der Bau von Rechenzentren bei gelockerten Umweltauflagen, wenn keine klare Strategie dahintersteckt und stattdessen das Klima belastet wird? Sprich: Es braucht eben nicht nur Tempo, sondern vor allem Sinn und Verstand.

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TikTok-Klon aus Berlin: Wedium will soziale Medien wieder sozial machen

05. August 2026 um 11:00

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Wedium TikTok App Berlin Social Media soziales Netzwerk

Mit Wedium ist ein neues soziales Netzwerk an den Start gegangen, das vieles besser machen will – diesmal aus Berlin. Die Plattform ist ab sofort in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar und setzt auf eine Ausweispflicht, europäische Server und echte Menschen statt Algorithmus-Chaos. Der Ansatz ist zwar sympathisch und in vielen Punkten überfällig. Doch Sympathie allein hat noch kein Netzwerk groß gemacht. Eine kommentierende Analyse.

Was ist Wedium?

  • „Verifizierte Menschen statt Bot-Armeen, fairere Erlöse für Creator und Medien, altersgerechter Jugendschutz und menschliches Community Management“: Das verspricht das in Berlin entwickelte digitale Netzwerk Wedium. Die Plattform startete am 31. Juli 2026 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel des Unternehmens ist laut eigenen Angaben ein digitaler öffentlicher Raum, in dem Menschen, Medien, Marken und gesellschaftliche Organisationen nicht gegeneinander antreten, sondern als Teile eines Ganzen ein gemeinsames Ökosystem bilden.
  • Um Inhalte auf Wedium sehen und liken zu können, genügt eine Registrierung per E-Mail. Wer jedoch Inhalte erstellen und mit anderen Nutzern interagieren will, muss sich, ähnlich wie bei dem schwedischen Netzwerk W Social, verifizieren. Heißt konkret: Nutzer müssen über WebID mittels ihres Personalausweises nachweisen, dass sie reale Menschen sind. Wedium betont, dass Dokumente nicht gespeichert werden. Die Idee hinter dem Verifizierungsvorgang ist es, automatisierte Massenaccounts, Bot-Netzwerke und künstlich erzeugte Reichweite möglichst zu verhindern.
  • Sämtliche Server von Wedium befinden sich in Europa. Neben der Verifizierung per ID setzt das Unternehmen vor allem auf Jugendschutz und unterschiedliche Voreinstellungen für bestimmte Altersgruppen. Das Mindestalter liegt bei dreizehn Jahren. Kinder und Jugendliche können sich nur über eine erziehungsberechtigte Person per ID anmelden. Werbung gibt es auf der Plattform zunächst nicht. Sie soll aber später eingeführt werden. Content Creator und professionelle Medien sollen perspektivisch an Erlösen beteiligt werden. Vor allem Medieninhalte sollen auffindbar bleiben und vertrauenswürdig eingeordnet werden.

Sympathie allein reicht nicht

Sogenannte soziale Medien sollten Menschen einst verbinden. Mittlerweile verbinden sie aber vor allem Empörung mit Reichweite. Hass, Hetze, Fake News und algorithmisch belohnte Provokation haben den digitalen Umgangston über die Jahre immer weiter verrohen lassen.

Dass Wedium das Soziale wieder in den Mittelpunkt rücken will, ist deshalb zunächst einmal so erfrischend wie gesellschaftlich überfällig. Denn: Anstand, Respekt, Niveau und Empathie sind in den meisten digitalen Räumen leider absolute Mangelware. Der Hebel von Wedium: Wer mitreden will, muss zunächst nachweisen, dass er überhaupt ein echter Mensch ist.

Diese Verifikation dürfte Bot-Armeen und automatisierte Massenaccounts zwar ausbremsen, stellt aber auch eine Einstiegshürde dar. Nicht einmal unbedingt aus Datenschutzgründen, sondern weil jeder zusätzliche Schritt potenzielle Nutzer abschreckt. Und auch eine Ausweiskontrolle macht Identitätsbetrug nicht unmöglich. Sie verschiebt lediglich die Messlatte.

Mit seinem europäischen Anspruch trifft Wedium zwar einen Zeitgeist, da das Vertrauen in US-Anbieter und politisch gelenkte Plattformen wie X (ehemals Twitter) vielerorts spürbar gesunken ist. Doch so begrüßenswert viele Ansätze und Ideen der Plattform auch sind: Wedium wird es verdammt schwer haben.

Denn Sympathie lässt sich oft leichter gewinnen als Nutzer. Oder: Am Ende wechseln nicht alle Menschen ihre digitale Heimat aus Prinzip, sondern nur dann, wenn der Mehrwert groß genug ist. Das wird auch die Bewährungsprobe für Wedium sein.

Stimmen

  • Medienwissenschaftlerin Nele Meissner, CEO und Mitgründerin von Wedium, in einem Statement: „Europa braucht nicht nur strengere Regeln für Plattformen aus anderen Teilen der Welt – Europa braucht eine eigene digitale Öffentlichkeit. Mit Wedium bauen wir einen Raum, in dem Freiheit, Verantwortung, Jugendschutz und technologische Souveränität von Anfang an zusammengehören.“ Lukas Backhaus, ebenfalls Mitgründer und Verantwortlicher für Community Management, ergänzte: „Vertrauen entsteht nicht durch einen weiteren Hinweis in den Nutzungsbedingungen. Es entsteht, wenn echte Menschen auf echte Menschen treffen – und im Konfliktfall auch ein echter Mensch ansprechbar ist.“
  • Auf Reddit herrscht in einem Subforum vor allem Skepsis. Ein Nutzer schreibt: „Ah schön, eine weitere europäische Entwicklung, die schon vor dem Start tot ist.“ Ein anderer meint: „Sieht zudem aus wie eine billige TikTok-Nachmache und schon die Homepage ist extrem langsam zu scrollen.“ Wiederum ein anderer Nutzer schreibt: „Es gibt längst hunderte Mastodon, Friendica und was weiß ich Instanzen, die in Europa laufen. Kann man sogar selbst hosten, wenn man will. Nutzen halt nicht genug Leute.“
  • Tim Hoffmann, Persönlicher Referent des Generalsekretärs der CDU Deutschland, hat in einem Blogbeitrag für die Konrad Adenauer Stiftung bereits W Social kritisiert. Für Wedium dürfte aus seiner Sicht Ähnliches gelten: „Das Kernproblem demokratischer Kommunikation ist nicht die Plattform. Es ist die Bereitschaft zum offenen Diskurs; besonders dort, wo er wehtut. (…) Deutungshoheit entsteht nicht durch Rückzug. Sie entsteht durch Präsenz, durch Widerspruch, durch das wiederholte Einmischen in Debatten, die man lieber meiden würde. Wer das Feld räumt, darf sich nicht wundern, wenn andere es bestellen.“

Die drei größten Hürden für Wedium

Die größte Herausforderung für Wedium wird nicht technischer Natur sein, sondern der Netzwerkeffekt. Denn: Der Markt ist inzwischen voll von Plattformen, die alle ein besseres, freundlicheres oder freieres Internet versprechen. So rühmlich viele dieser Ansätze auch sein mögen: Wedium, W Social, Mastodon und Co. stehen sich gegenseitig im Weg.

On top kommt die bewusste Entscheidung für ein geschlossenes System. Heißt konkret: Wedium setzt im Gegensatz zu anderen kleinen sozialen Netzwerken nicht auf das sogenannte AT-Protokoll. Einerseits grenzt sich das Unternehmen dadurch ab. Andererseits können Nutzer Profile und Inhalte dadurch nicht von und zu anderen Plattformen wie Bluesky, dem mit über 40 Millionen Nutzern größten Netzwerk, das das AT-Protokoll nutzt, übertragen.

Ein geschlossenes System stärkt zwar die Kontrolle über das eigene Ökosystem, erschwert aber zugleich den Aufbau einer gewissen Zahl an Nutzern. Hinzu kommt: Fernab der durchaus löblichen technischen Grundgedanken, die auf Souveränität, Offenheit und Transparenz beruhen, bietet Wedium optisch und funktional kaum etwas Neues. Im Gegenteil: Die Plattform gleicht einem TikTok-Klon.

Hier wäre durchaus Spielraum gewesen, um etwas Neues zu versuchen und einen zusätzlichen Mehrwert auf funktionaler Ebene zu schaffen und Nutzer anzulocken. Aber: Was nicht ist, kann ja vielleicht noch werden. Entscheidend wird letztlich aber vor allem sein, ob Nutzer den versprochenen Mehrwert tatsächlich höher bewerten als die zusätzlichen Hürden. Wird die Ausweisregistrierung akzeptiert?

Lässt sich ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln, wenn Werbung geschaltet und Erlöse für Creator und Medien finanziert werden müssen? Und was passiert mit dem Versprechen eines menschlichen Community-Managements, falls die Plattform doch einmal Millionen Nutzer erreichen sollte? Der Anspruch ist zwar sympathisch, wird aber mit jedem neuen Nutzer ein Stück weit teurer und schwieriger umzusetzen.

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Gegen das US-Monopol: Ecosia startet eigenen Suchindex in Deutschland

04. August 2026 um 11:00

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Google kontrolliert über 80 Prozent der weltweiten Internetsuche und damit auch, welche Informationen Milliarden Menschen zu sehen bekommen. Sprich: Es gibt kaum Wettbewerb, sondern ein Monopol. Die beiden europäischen Suchmaschinenanbieter Ecosia und Qwant starten jetzt aber ihren gemeinsamen europäischen Suchindex auch in Deutschland. Das wird Google kurzfristig kaum jucken. Doch es braucht genau solche Projekte! Eine kommentierende Analyse.

Was ist ein Suchindex?

  • Ein Suchindex ist eine Datenbank für Suchmaschinen, um Informationen abzurufen und sie in einer bestimmten Reihenfolge darzustellen – vergleichbar mit der Beschriftung und Sortierung von Büchern in einer Bibliothek. Bislang haben alle kleinen Suchmaschinen die Indizes von Google oder Bing genutzt. Um Europa und sich selbst unabhängiger von US-Anbietern zu machen, haben die beiden europäischen Suchmaschinenanbieter Ecosia und Qwant bereits 2025 einen eigenen Suchindex gegründet. Bei Qwant machen die Ergebnisse der European Search Perspective (EUSP) in Frankreich bereits einen Großteil der Suche aus. Nun ist der Index auch in Deutschland gestartet.
  • Google hat bei der Desktop-Websuche weltweit einen Marktanteil von 80 Prozent. Auf mobilen Geräten sind es sogar über 90 Prozent. Bing folgt mit großem Abstand und zwölf Prozent (Desktop) sowie zwei Prozent (mobil) auf Platz zwei. Alternative Anbieter wie Ecosia, DuckDuckGo oder Qwant knabbern an der Ein-Prozent-Hürde. Der Grund: Die Marktmacht und Bekanntheit von Google ist nach wie vor so groß, dass andere Anbieter kaum eine Chance haben. Die EU schreibt in Europa deshalb mittlerweile Auswahloptionen vor. Apple und Google dürfen ihre Browser und Suchmaschinen auf ihren Geräten nicht mehr standardmäßig voreinstellen, sondern müssen zumindest auch auf andere Anbieter hinweisen.
  • Die Auswahlmöglichkeiten auf Apple- und Google-Geräten haben alternativen Anbietern wie Ecosia und Co. bislang nicht allzu viel gebracht. Der Grund: Google hat nicht nur aufgrund seiner Popularität einen riesengroßen Vorsprung, sondern genießt auch technisch gesehen eine Monopolstellung, die anderen Unternehmen kaum eine Chance lässt. Die EU hat deshalb erneut reagiert. Google muss laut Digital Markets Act (DMA) künftig etwa Suchdaten anonymisiert mit Wettbewerbern teilen und Android für fremde KI-Assistenten öffnen.

Warum das Google-Monopol ein Demokratie-Problem ist

Die European Search Perspective ist weitaus mehr als ein technisches Infrastrukturprojekt. Denn: Google kontrolliert nicht nur inflationär, welche Informationen Nutzern weltweit ausgespielt werden, sondern entscheidet auch, welche Stimmen im digitalen Raum überhaupt Gehör finden.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat schon vor einigen Jahren festgestellt, dass Medienpluralismus eine Voraussetzung für funktionierende Demokratien ist. Mit ihrem gemeinsamen Suchindex hauchen Ecosia und Qwant aber nicht nur dieser Debatte neues Leben ein. Auch die nach wie vor herrschenden Missstände rücken erneut ins Rampenlicht.

Denn mit Google hat schon viel zu lange ein einzelner Konzern die Schnittstelle zur öffentlichen Meinungsbildung besetzt. Hinzu kommt eine geopolitische Dimension, die lange unterschätzt wurde. Spätestens seit Trump 2.0 dürfte aber klar sein, dass die Abhängigkeit von US-Software als politisches Druckmittel missbraucht wird.

Ein in Europa gehosteter Suchindex verspricht aber nicht nur mehr digitale Souveränität, sondern sorgt durch europäische Gerichtsbarkeit und die DSGVO auch für mehr Datenschutz, indem Informationen innerhalb Europas bleiben.

Aber auch für Ecosia, Qwant und Nutzer eröffnen sich Chancen mit Blick auf die Qualität der Suche. Denn mit dem neuen Index lassen sich Informationen etwa nach Relevanz steuern – und nicht nach Inhalten von Medien mit dem höchsten Umsatz. Außerdem können beide Suchmaschinen die Flut von Spam-Anzeigen durch Microsoft und Google eindämmen.

Stimmen

  • Ecosia-Gründer und -Geschäftsführer Christian Kroll in einem LinkedIn-Beitrag: „Letztes Jahr haben wir die Ergebnisse aus dem EUSP erstmals in Frankreich eingeführt, wo er mittlerweile mehr als die Hälfte des Suchverkehrs bei Ecosia abdeckt. Nun ist er auch in Deutschland live. Der Aufbau eines wettbewerbsfähigen Suchindexes erfordert Zeit, Investitionen und den Zugang zu Daten, die zur Verbesserung der Qualität der Suchergebnisse beitragen. Deshalb ist die jüngste Entscheidung der Europäischen Kommission im Rahmen des Digital Markets Act so wichtig. Der Zugang zu anonymisierten Ranking-Daten von Google wird EUSP dabei helfen, sich viel schneller zu verbessern.“
  • Felix Biessmann, von der Berlin University of Applied Science & Einstein Center Digital Future, in einem Statement: „Die Internetsuche hat tiefgreifende gesellschaftliche Auswirkungen, und ein Webindex ist eine unverzichtbare Voraussetzung für viele KI-Technologien. Ein unabhängiger europäischer Webindex kann dazu beitragen, Vertrauen in digitale Technologien aufzubauen, und stellt sowohl für Nutzer als auch für lokale Fachkräfte in den Bereichen Datenverarbeitung und KI eine wichtige Alternative dar.“
  • Die Entwicklung eines Suchindex galt lange als aufwendig und teuer. Laut Software-Ingenieur Peter Popov hätten die Fortschritte im KI-Bereich das aber einfacher gemacht, „indem moderne LLM-Modelle verwendet werden, die bereits über Kenntnisse der Suchsemantik verfügen. Die Erstellung eines Suchindexes für das gesamte Internet ist aus technischer Sicht keine so schwierige Aufgabe.“ Popov sieht aber vor allem in der Frage, wo Such-Bots frei crawlen dürfen und wo nicht, eine Herausforderung: „Proprietäre Plattformen stehen Versuchen, Informationen zu sammeln, oft recht ablehnend gegenüber.“

Ecosia peilt Marktanteil von zehn Prozent an

Mit ihrem gemeinsamen europäischen Suchindex werden Ecosia und Qwant Google natürlich nicht vom Thron stoßen; kurzfristig schon gar nicht. Doch darum geht es nicht. Denn: Nicht nur gut Ding, sondern auch so ein Suchindex will Weile haben.

Chancenlos ist das Unterfangen aber keineswegs. Auch die Pläne reichen entsprechend langfristig. Ecosia peilt in Deutschland etwa einen Marktanteil von rund zehn Prozent bis 2030 an. Das erscheint durchaus realistisch. Spätestens dann wäre der hauseigene Index weitaus mehr als nur ein kleines Nischenprodukt. Er wäre ein echter Wettbewerbsfaktor, von dem auch andere Unternehmen profitieren können.

Auch für die Entwicklung von KI-Modellen eröffnen sich Möglichkeiten. Denn dafür braucht es ein gut indiziertes Internet. Will heißen: Die potenziellen Chancen für ein digital souveränes Europa sind enorm. Klar: Europa würde damit natürlich nicht von heute auf morgen zum KI-Weltmarktführer aufsteigen.

Doch Ecosia und Qwant stellen EU-Unternehmen mit ihrem Index endlich einen unabhängigen Werkzeugkasten zur Verfügung, der nicht von den Launen und der Willkür der USA abhängt. Oder: Ein europäischer Suchindex stellt nicht nur eine Alternative zu Google dar. Er fördert auch den Medienpluralismus und eröffnet Europa eine unabhängige Infrastruktur – auch mit Blick auf den hiesigen Datenschutz.

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